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Ethik Ästhetik Wahrheitssuche – Teil 2

Fortsetzung von Teil 1.

Ethik-Ästhetik und die Akademia: Dialektik von Rückzug und Präsenz.

Es ist eben entscheidend, dieses ethische Prinzip in beide Richtungen abzugrenzen: Es geht nicht um die altväterliche intellektuelle Elitarität, in der man aus der Umpufferung irgendeiner professoralen Aura oder aus den Mitten eines intellektuellen Bücherstapels urteilend über die Welt richtet. Es geht aber auch nicht um die habitualisierte narzisstische Dominanz in jeder sozialen oder akademischen Präsenz-Situation, deren Macht sich weniger aus Status sondern aus dem Charisma des Auftritts, der Habitualisierung einer immer wieder situativ erfolgenden narrativen Selbst-Konstitution, den verkörperten Strategien des Raum-Einnehmens und Nicht-Zuhörens bei gleichzeitigem Vereinnahmen der anderen („thanks, that’s so interesting, …“) schöpft.

Der kontemplative Rückzug der Intellektuellen ist im Kern das alte hierarchisch-elitäre Modell. Man kann das noch an einzelnen Figuren aus dem Gründungsmobiliar der Bundesrepublik oder bekannter europäisch-traditioneller Eliteuniversitäten sehen. Kontemplative Zurückgezogenheit, urteilen aus dem Hintergrund und mit dem Selbstverständnis des rational-objektiven Wägens und Richtens, können sich nur die leisten, die vermeintlich auf objektivierender Distanz zur Gesellschaft stehen und jedenfalls dafür die Position haben, das heißt, finanziell den Rücken freigehalten bekommen. Um diese Positionen mit der entsprechenden Autorität und einer Kraft ihrer Selbstperpetuierung zu versehen, werden ihre Orte sakralisiert, bis in ihre Materialität hinein, wie es traditionelle Universitätsstandorte zeigen.

Der Modus der radikalen Präsenz dagegen überwirft sich mit diesem Intellektuellenprinzip der Objektivität, das sich über institutionell verankerte Status- und Hierarchie-Systeme stabilisiert. Es fordert die immer neue Wirksamkeit der Theorie oder der TheoretikerInnen im Auftreten, in der Situation. Die Relevanz und die Gültigkeit eines theoretischen Beitrags darf sich nicht über das kratzfüßige Abnicken einer abgeschlossenen Fachgemeinschaft erweisen („Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“), sondern in ihrer Wirksamkeit, ihrer performativen Kraft, mitzureißen, zu überzeugen, zu bewegen. Der alte Wissensmodus der Objektivität geht hier über in den Modus der „presentation“ (wie Daston und Galison es beschreiben), in dem der wissenschaftliche Gegenstand und seine Relevanz durch die Praktiken des Vorführens, Zeigens, Thematisierens akiv konstituiert wird (anstatt dass die wissenschaftliche Untersuchung prä-existente Gegenstände unter objektiven Maßstäben „aufdeckt“ und „erschließt“, dabei aber in passivem Verhältnis zu ihrem Objekt steht).

Das gilt in den Geisteswissenschaften dann für den Vortrags- und Präsentationsstil selbst. „presentation“ führt dazu, dass sich Personen produzieren, deren Erscheinung nicht von ihrem fachlichen Beitrag zu lösen ist. Im Extremfall kann das zu der Habitualisierung einer Dominanz im Redeverhalten und im affektiven Auftreten führen, die den anderen nicht einmal den Raum für eigenes Nachdenken lässt, von Redebeiträgen zu schweigen, sondern nur gewaltsam ein Mitschwingen (oder die stille Dissonanz) erzwingt. In Bezug auf das WissenschaftlerInnensubjekt selbst bedeutet dieser Extremfall der „presentation“ eine Starrheit: Wie viele Personen kennen wir, die man an verschiedenen Stellen, in ganz verschiedenen Kontexten, mit einiger Zeit dazwischen auftreten sieht (etwa in Vorträgen, Seminaren, auf einem Podium), und die dann exakt das gleiche Programm abspulen. Nicht nur in der Hinsicht, was sie sagen, sondern bereits auf der Ebene von Affekt und Charisma, die Witze, die sie erzählen und die Art, wie sie mitreißen wollen – das ganze Performativ eben. Wer immer nur „sendet“, aber nie empfängt, wird sich nicht verändern. Der hyper-presentation Modus bringt die Leute genauso zum Erstarren wie die altprofessorale Verfettung in einer Statusposition, nur in einer radikal anderen Weise: Die einen denken nichts neues, weil sie durch hierarchische Distanz und Dünkel von der Welt abgeschnitten werden und dann verbissen ihr Weltbild verteidigen, die anderen deshalb nicht, weil sie sich zwanghaft jeden Tag aufs neue in dem, wie sie sind, wieder Konstituieren müssen, und dabei die Fähigkeit verlieren, zuzuhören, über sich zu reflektieren, sich bewegen zu lassen.

Eine Dialektik aus Präsenz und Rückzug muss beides in einer Haltung, das heißt in einem ethischen Prinzip miteinander verschränken. Es gibt nicht einfach einen Mittelpunkt, einen Kompromiss zwischen Status-Fundierung und „presentation“-Charisma, etwa vormittags der eine Modus, nachmittags der andere; das würde nichts bringen (siehe Beispiel H.R.). Sondern der Rückzug muss sich als Raum einer Selbst-Kritik auf die Präsenz in jeder einzelnen Interaktionssituation richten. Das heißt, in der Kontemplation müssen sich einschleichende Habitualisierungen, Reflex-Reaktionen, unvorhergesehen Aggressivitäten, psychische Projektionen und Untiefen, die in einer Präsenz-Situation plötzlich am Werk waren, retrospektiv reflektiert und durcharbeitet werden. Und umgekehrt muss das Sein in der Präsenz aus einer solchen Praxis des Rückzugs schöpfen, um frei und schwingungsfähig zu sein für Unvorhergesehenes (für Kontingenzen): Wer, um sich selbst zu spüren, allein über das Mittel der (narrativen) Selbst-Konstitution in der Präsenz verfügt, wird immer die anderen übergehen, wird nur im Mittelpunkt stehen und die anderen mitzureißen versuchen, kann dabei aber selbst nicht über sich hinaus bewegt werden. Um Affizierungen und Einwirkungen anderer annehmen zu können, braucht es der Kontemplation im Rückzug und im selbst-thematisierenden Dialog, denn darin kann sich ein agiles, potentiell zu Kritik und Distanzierung fähiges Selbst-Verhältnis stabilisieren, das auf das Verhalten in der Präsenz einer Situation dann befreiend zurückstrahlt, da es Raum für Offenheit lässt.

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