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Individualisierung von Informationswegen

Wissen und Informationen werden immer mehr über soziale Systeme weitergegeben und flukturieren immer weniger über die Grenzen von Bezugsgruppen hinaus. Paradebeispiel dafür ist facebook, dass für jeden individuell eine Realitätsblase erzeugt, in der die/der AccountinhaberIn selbst stets im Zentrum steht und nur Beiträge mit dem geringst möglichen Grad an Abweichung von den eigenen Interessen und Meinungen angezeigt werden.
(Weiteres banales Beispiel: WDR 5 hat jüngst seinen Podcast zum “Thema des Tages” eingestellt. Damit sind die Gespräche die hier stattgefunden haben nur noch für das kleine Live-Publikum von WDR5 zu hören und ein Weiterreichen an den Bekanntschaftskreis ist nicht mehr möglich. )

Inzwischen scheint jeder seinen persönlichen Nachrichten- und Wissenschannel zu haben. Situierte Realitäten driften so immer weiter auseinander, da meist mit der Bedienung einer kleineren Zielgruppe auch eine stärkere subjektive Färbung der Informationen einhergeht.
So ist es möglich das soziale Parallelwelten entstehen, die immer ganzheitlicher voneinander abgeschottet sein können. Gravierend ist dabei, dass auch für die gesamte Gesellschaft verantwortliche Gruppen, wie PateipolitikerInnen und PolizistInnen in solchen inzwischen fast vollgesättigten Realitätsblasen leben.

Zwar könnte in der Vielfalt er Sichtweisen auch eine Chance für den politischen Diskurs liegen, jedoch wird durch diese auch ein komplizierterer Realitätsabgleich nötig, um überhaupt eine gemeinsame diskursive Ebene zu erlangen. Für einen regelmäßigen Austausch gibt es jedoch immer weniger zwingende gemeinsame Räume, so dass die Chance hinter der höheren Hürde seltenst erreicht wird.

Es müssen also dringend solche Räume geschaffen werden. Dazu könnte die mediale Welt bereits zu individuell sein und sich daher eher Interventionen an materiellen Orten anbieten. Insbesondere muss der Politikalltag aufgebrochen werden, Parteien müssen wieder unterschiedliche soziale Realitäten angehören, der Satz “in die Politik gehen” sollte dann keinen Sinn mehr machen.
Wenn sich Informationen nicht mehr an großen Massen beweisen müssen, muss individuell die Sensibilität für die subjektive Färbung von Informationen gefördert werden.

K. Riechtier
April 2nd, 2015 at 4:40 pm

daran anschließend ein Artikel vom Journalisten Wolfgang Michal, aufgehangen an der Berichterstattung über 4u9525:
http://www.wolfgangmichal.de/2015/04/gefuehlter-journalismus/

ein paar Ausschnitte:
„…Der gefühlte Journalismus verwendet vor allem das vereinnahmende „Wir“. „Wir alle“ sind dann in Schlagzeilen, Leitartikeln und Talkshows „entsetzt“ und „fassungslos“, denn das „Unfassbare“ übersteigt „unser Vorstellungsvermögen“. Natürlich glauben professionelle Journalisten, die so schreiben oder reden, ihr Verbrüderungs-“Wir” helfe den Zuschauern und Lesern bei der Verarbeitung ihrer Gefühle. Aber sie versetzen sich eben nicht in die realen Zuschauer und Leser, sondern in ihre Idealvorstellung von ihnen, und das heißt, sie sprechen und senden im Grunde zu Ihresgleichen. Sie produzieren das Wunschbild einer großen Fühlgemeinschaft, einer Community – und glauben allen Ernstes, eine moralisch überfrachtete Kundenbindung sei das Gleiche wie eine Community auf Twitter oder Facebook.

Ist den Journalisten dieser Wandel bewusst? Was bleibt vom hehren Grundsatz der wertfreien Informationsvermittlung für mündige Bürger, wenn selbst ein Nachrichtenmagazin wie der Spiegel sich bemüßigt fühlt, normierende Betroffenheitsvokabeln wie „fürchterlich“ und “unerträglich” in seine Berichts-Vorspänne einzubauen oder wenn die SZ – ohne dass ein Nachrichtenredakteur eingreift – auf der ersten Seite meldet, „der Vater“ der ARD-Sendung Musikantenstadl sei gestorben? …. “

„….Der Erfolg der rechtspopulistischen Bewegung Pegida (aber auch der Erfolg der linksradikalen Bewegung Syriza) machte vielen etablierten Medienmachern erst klar, wie wirkungsvoll das bloße Draufhauen („Lügenpresse“) oder das Anrufen des gesunden Menschenverstandes sein kann. Ende Januar erschien in der Zeit Bernd Ulrichs und Matthias Geis’ vielbeachtete Grundsatzrede „Ausweitung der Kampfzone“, die manche Medienkritiker als Selbstkritik der Wochenzeitung lasen. Es war aber keine zerknirschte Selbstkritik, sondern eine Art Selbstermächtigung zu mehr Tacheles reden, mehr Polarisierung, mehr Mut zur „Nicht-Korrektheit“ im eigenen Medium. Die beiden Zeit-Autoren forderten quasi von sich selbst: Schluss mit der „sterilen“ und „gefühlsarmen“ „Konsensgesellschaft“ und ihrem verschämten Toleranzgetue!….“

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