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Privates Sicherheitspersonal. Autoritäre Psychologien Teil I.

Die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich ist nur dadurch möglich, dass mehr und mehr privates Sicherheitspersonal den Reichtum und sein Milieu umschützt. Je größer der „Gradient“ in der Verteilung des Wohlstandes, desto ausgeprägter ist die Tendenz zur Elitarisierung der Reichen; in gleichem Maße steigt die empfundene Gefahr vor unbefugten Zugriffen und Einblicken.  Elitarität bedeutet dabei: Es akkumuliert sich nicht nur das Kapital, sondern in einer deckungsgleichen Topologie schottet sich auch der Diskurs ab.  Man redet nicht mit jedem, setzt sich nicht jedermanns Kritik aus, man befindet sich in Räumen, in denen nur einen Teil der Welt sichtbar ist – der andere zieht draußen vorbei. Vom Hotelzimmer ins Taxi ins Unternehmen hinter Glasfassaden. An jedem dieser Punkte befindet sich der/die moderne Mitarbeiter/in der Wirtschaft umschützt von Barrieren gegenüber der Außenwelt, die unsichtbar und unzugänglich machen. Das selbe gilt für die Campus-Oasen der Eliteuniversitäten, EZB-Einweihungsfeiern inmitten des Protestherdes, die Hinterzimmern der Politik, die Militär- und Geheimdienstzirkel.

Worauf es hier ankommt: Die Grenzlinien, die die kapitalistisch-politische Elite und ihren Diskurs vom Rest der Welt abschotten, müssen so flexibel und omnipräsent sein, wie die Informations- und Wirtschaftsströme der modernen Welt selbst. Jede verantwortliche Person in dieser Liga ist von so etwas wie einer „Abschottungsblase“ umgeben, die sie überall hin begleitet, nur dass sie an jedem Punkt von anderen Personen realisiert wird (Hotels, Vertragstaxis, Business Class Lounges, Firmensitze oder staatliche Gebäude, Einkaufszentren, Urlaubsorte, private Versorgungseinrichtungen). Für alle diese Räume wird ein Aufkommen an Sicherheits- und Servicepersonal benötigt, das weit über das hinaus geht, was etwa die Schutzfunktion der staatlichen Sicherheitsbehörden garantiert. Private Sicherheitsdienste haben aktuell einen Anteil von 75% des Personals im Sicherheitsbereich. Abschottung ist damit eine intrinsische Qualität des Kapitals selbst. Nicht der Staat mit seinen Institutionen schützt das Eigentum – Schutz vor Rechtsbruch allein reicht dem Eigentum gar nicht mehr aus. Es muss sich selbst und präventiv schützen, damit es sich noch mehr akkumulieren kann.

Das Aufkommen privater Sicherheitsdienste ist deshalb nicht einfach nur eine Folge der allgemeinen Tendenz zur Privatisierung im öffentlichen Sektor.  Es fiel ja auch niemals in den Aufgabenbereich des Staates, private Einrichtungen und Personen präventiv abzuschirmen, wenn keine konkrete Bedrohungslage vorliegt. Doch genau durch einen Vorsorge- und dabei gleichzeitig Repräsentativ-Charakter zeichnet sich der Einsatz privater Sicherheitsdienste aus. Der private Sicherheitssektor verzeichnet aktuell ein Wachstum von 4–6% p.a. Dies sollte als ein Symptom gelesen werden, an dem erkennbar ist, dass sich das Kapital in einer Weise akkumuliert, die durch die staatlichen und demokratisch vorgeprägten Strukturen nicht gedeckt ist. Das heißt im Umkehrschluss: Wären private Sicherheitsdienste nicht verfügbar, wäre die Verteilung von Wissen und Kapital eine andere.

Subjektivität des Sicherheitspersonals

Dem Sicherheitspersonal selbst – als Menschen und Personen – kommt in dieser Analyse eine besondere Rolle zu.  Das Sicherheitspersonal besitzt eine körperlichen Nähe zu beiden Seiten des Grabens zwischen Arm und Reich, es markiert persönlich – mit seinen Körpern – gerade diese Grenze. Mit seiner Front schaut es nach unten, hinter seinem Rücken geht es hoch.  Der Anteil niedrig qualifizierter Jobs, die in die Sicherheitsbranche fallen, ist erheblich (ca. 25%). Und es muss doch eine ganz bestimmte Psychologie im Spiel sein, um die Besetzung dieser Posten überhaupt zu ermöglichen. Das System, in dem sich Arme immer mehr von Reichen unterscheiden, wird durch diese Jobs von seinen Verlierern selbst mit geschützt und stabilisiert. Wie genau bewerkstelligt es unser – nicht Staats-, sondern: Privatapparat, mittellose, bildungslose, perspektivlose Leute so zu subjektivieren, dass sie die gesellschaftlichen Strukturen ihrer eigenen Unterlegenheit mit aufrechterhalten?

So etwas lässt sich desto besser einrichten, je größer die Diskrepanz zwischen Individual- und Gesamtperspektive ist, also zwischen erkennbarem eigenem und gesellschaftlichem Nutzen aus Sicht der betroffenen Subjekte. So zeigt etwa das Beispiel der massenhaften Zwangsräumungen in Spanien, dass es nicht möglich ist, in Zeiten der sozialen Krise nach Belieben eine Armee von Sicherheitskräften die Wohnungsräumungen machen zu lassen, denn es kam der Punkt, wo diese die Arbeit an Zwangsräumungen verweigert haben. Es gibt heute einen historisch trotz allem sehr niedrig liegenden Punkt, jenseits dessen sich direkte Autorität und Repression gesellschaftliche nicht umsetzen lässt. Doch die Gebäude der Banken zu bewachen und die Personen zu umschützen, die auf wirtschaftlichem und somit indirektem Weg autoritär und repressiv agieren, das ist möglich, dafür findet sich das Personal qua Unwissenheit.  Mit dem Rücken gegen die Glasfassade gekehrt hat es nur ein abstraktes Bild von der Macht, zu der es mit seiner körperlichen Präsenz einen kleinen Beitrag leistet.

Immer weniger Repression erfolgen also über direktes autoritäres Agieren der Verantwortlichen von Gesicht zu Gesicht, statt dessen indirekt über ökonomische Mechanismen und über die kleinen Konfrontation mit den Unwissenden. Die für eine Entscheidung zuständige Person ist nicht erreichbar, ruft man sie an oder geht man in ihre Gebäude, so trifft man in der Telefonhotline oder am Eingang auf Personen, die in der Sache keine Kenntnis haben und nicht entscheidungsbefugt sind, einem aber den Zutritt verweigern. Genau dafür werden diese Personen bezahlt: für die emotionale Arbeit (etwa Beschwerdestelle oder Telefonhotline) bzw. die mikro-autoritäre körperliche Präsenz (Sicherheitspersonal), mit der jeder Eindringling physisch zurückgewiesen wird. Es ist das Entscheidende, dass genau diese Form von Arbeit jedoch ebenfalls mit einer autoritären Psychologie korreliert. Die besonders gründliche Form des Autoritarismus besteht darin, einen Auftrag, der manifest gegen andere Menschen gerichtet ist, auch ausführen zu können, ohne von Zweck und Absicht des Auftrags selbst Kenntnis zu haben. Das heißt, in den Mikroszenen eines Nahkontakts gegen andere etwas mit Gewalt vertreten zu können, das man inhaltlich selbst nicht einsieht. Der moderne autoritäre Charakter ist also dadurch gekennzeichnet, eine rein arbeitsrechtliche Untergebenheit gegenüber einem nur abstrakten Gegenstand (einem Amt, einer Universität, einer Bank) in konkrete physische und psychische Kräfte gegen andere umwandeln zu können. Modern daran ist, dass das möglich ist ohne großmythische Ideologieapparate wie im Fall totalitärer Regime oder bei den religiösen Fanatismen des Christentums.

Nicht zuletzt glaube ich, dass sich aus diesen Gedanken auch Implikationen für mögliche kritische Aktionen und Interventionen ergeben. Die autoritäre Psychologie von Sicherheitskräften lässt sich entlarven, in den Mikroszenen geeigneter Konfrontation. Einfach mal nachfragen, wie es so ist, hier zu arbeiten; was es eigentlich ist, das sie da beschützen, und warum. Oder, wenn die Szene schon eskaliert, irgendwie geeignet auf das autoritäre Gebelle reagieren – wenn man es hart will vielleicht indem familiäre oder pubertäre Zusammenhänge getriggert werden (etwa „Können Sie mir das auch wie einem erwachsenem Menschen sagen?“, „Sie reden wie mein Großvater“, „Wie sie sprechen, das hab ich das letzte Mal auf dem Schulhof erlebt“). – Das sind nur Ideen, es ist im Prinzip eine offene Frage für Experimente, wie man mit minimalem verbalem Aufwand bestimmte Eigenschaften dieser Personen sichtbar und für kritische Analysen zugänglich machen kann.

Ausblick: Subjektivität der Reichen.

Die vielen personifizierten Grenzziehungen durch privates Sicherheitspersonal implizieren nicht nur eine bestimmte Psychologie der entsprechenden Arbeitskräfte, sondern auch eine Psychologie derer, die geschützt und abgeschirmt werden. Freilich ist es prägend für die eigene Subjektivität, wenn jeder Raum, in dem man sich befindet – wieder die Beispiele: Hotel, Taxi, Universität, Bürogebäude, Business Class – von beflissenen Servicekräften umschirmt, präpariert und abgeschottet wird. Die Subjektivitäten an den beiden Polen sind sehr kompatibel, sie spiegeln sich in einer Vorzeichenmumkehr und bilden zusammen das Prinzip der Untertanenmentalität.  Das absolute Gehorsam gegenüber dem Auftraggeber, dessen Person und Anliegen abstrakt bleibt, verkehrt sich in das absolute Auftrag-geben gegenüber den arbeitsrechtlich gebundenen Sklaven, zu denen ein objektivierendes Verhältnis besteht. Das Kritikvermögen hinsichtlich des eigenen Tuns, besonders in Bezug auf den jeweils anderen Pol, fehlt beiden.

Ich werde in den kommenden Beiträgen dieser Serie zur „autoritären Psychologie“ dieses Milieu weiter unter die Lupe nehmen. Als nächstes wird kommen: autoritärer Charakter und die Start-up-Mentalität.

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