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Kritik, Affekt und das Problem der Realitätsblasen. Kann eine normative Theorie uns retten?

Kurze Erkenntnis zum Kritikverständnis, nach wunderbarem Gespräch heute Vormittag:

Es wird ja hin und wieder gesagt, dass die Kritik Foucault’scher und subjektphilosophischer Schule auf so etwas wie „Verflüssigung“ hinauslaufe. Damit ist eine öffnende und machtkritische Infragestellung der epistemischen Kategorien, der sozialen Normen und der subjektiven Wahrnehmungsweisen gemeint, in denen sich Subjekte auf sich selbst und auf andere beziehen. Indem das Subjekt die soziale, kulturelle, machtgeschichtliche Gewordenheit seines eigenen Denkens und Wahrnehmens erkennt, nimmt es diese Strukturen als Machtformationen und deshalb als kontingent und politisch anfechtbar wahr. Wobei Kontingenz hier die Einsicht in die prinzipielle Möglichkeit von Veränderung bezeichnet. Für eine solche Veränderung muss man aber jenseits angestammter Bahnen suchen, jenseits der etablierten Episteme, da es ja um die Veränderung dieser Episteme selbst geht, weil in diese selbst Macht eingeschrieben ist. Aus diesem Grunde kann man sich dieser Veränderung nur explorativ und experimentell nähern, in einem suchenden kreativen und intuitiven Prozess, denn die Arithmetik des Räsonierens wird nicht in das Jenseits der Kategorien führen, in denen sie operiert.

So weit so gut. Verflüssigung wird das – oft auch in pejorativer Weise – deshalb genannt, weil damit ja die Verbindlichkeit der Normen und der rational-argumentativen Erschließbarkeit sozialer Fragestellungen überhaupt unterminiert wird. „Anything goes“ und „alles ist im Fluss“ heißen dann gelegentlich die Vorwürfe an eine als „Post-Moderne“ verschriene Theorierichtung. Auf die detaillierten theorie-internen Gründe, mit denen man diesen Vorwürfen begegnen könnte, möchte ich hier jetzt gar nicht eingehen – das Thema ist ja auch schon abgedroschen. Vielmehr stelle ich erneut fest, dass ich mögliche theorie-interne Gründe gar nicht so interessant finde, wie die folgende metatheoretische Überlegung, die ich auch anderswo schon aufgeschrieben habe: Dass wir nämlich neben dem Bestreben, die Kontingenzen und Machtdurchzogenheiten von zur Selbstverständlichkeiten geronnenen epistemischen wie lebenspraktischen Ordnungen aufzuweisen, genauso tatsächlich auch ein Streben benötigen, was sich mit dem zeitgemäßen Aufbau solcher Ordnungen befasst. Die Resultate dekonstruktiver Arbeit werden nämlich erst dann für die Praxis gesellschaftlichen Lebens fruchtbar, wenn sie in die Arbeit rückgekoppelt werden, welche sich zu jeder Zeit die Frage stellt, wie – positiv – wir unsere Verhältnisse (als Gesellschaft) oder unser Leben (als Subjekte) denn gestalten wollen. Tatsächlich ist es doch so, je mehr wir etwas als kontingent ausweisen, desto mehr brauchen wir auch ein immer aktuelles, neues Angebot an Entwürfen und Begründungszusammenhängen für die täglich anfallenden lebenspraktischen Situationen – und in diesem Sinne durchaus die Arbeit normativer Theorie.

Die subjekt-philosophische Schule der Kritik ist deswegen gar nicht der Sache nach eine austauschbare Alternative zur normativen Kritik – und wenn diese beiden Lager darüber streiten, wer nun die bessere Kritik oder Sozialphilosophie mache, dann ist das ganz unglücklich vergeudete Energie. Vielmehr brauchen wir nämlich beide Lager, und dass diese beiden Lager in einem agonistischen Verhältnis zueinander stehen ist kein Theorie-Zwist, sondern es liegt im Wesen der Sache selbst. Denn die normative Theorie auf der einen Seite tendiert ihrem Wesen nach dazu, Selbstverständlichkeiten zu produzieren – sei es bewusst und mit erhobenem Zeigefinger oder sei es implizit durch die ungewollte Einschreibung von Macht in ihre zugrundeliegende Episteme, also in die Begriffe, Kategorien, Normen, die sie verwendet. Eine sich an Normen orientierende Kritik unterliegt deshalb prinzipiell der Dialektik der Aufklärung – sie wird sich zu dem System verfestigen, dass die nächste Generation dann stürzen muss. Subjektphilosophische Kritik auf der anderen Seite kann als Gegenspieler dazu genau die Rolle spielen, die normative Episteme mit ihren „Selbstverständlichkeiten“ genealogisch zu destabilisieren. In gleichem Zug unterliegt sie aber dem Problem, dass sie den faktisch vorhandenen gesellschafts-praktischen Bedarf nach Festschreibungen, Regeln, Gesetzen, Werten und Verhältnisbestimmungen nicht bedienen kann. Deswegen braucht sie tatsächlich eine nachgelagerte normative Theorie, die es allerdings schaffen muss, nicht aus ihrer Tradition allein heraus sich immer wieder nur zu reproduzieren, sondern die Lücken und Herausforderungen, die aus der genealogischen Arbeit resultieren, aufzugreifen und immer wieder neue, immer wieder zeitgemäß normative Lösungen zu erarbeiten.

Der Clou dabei ist nun aber, dass auch wenn beide Theoriezweige also voneinander profitieren und jeweils im blinden Fleck des anderen operieren, eine agonistische Spannung dazwischen dennoch unvermeidlich ist. Denn die eine Seite kämpft dabei gegen das Wesen der anderen Seite an, denn es liegt im Wesen jeder normativen Theorie, dass die Normen eine unbeschränkte Dauer haben, und es liegt umgekehrt im Wesen der subjekttheoretischen Herangehensweise, hinter jeder solchen Dauerfestschreibung eine Herrschaftsstruktur zu sehen. Auch wenn also wahrscheinlich kaum ein_e Kritiker_in anzutreffen ist, der_die mit ganzer Seele beide diese Prinzipien in sich vereinbaren kann, ist es doch auf einer übergeordneten, aus den jeweiligen Theorien herausspringenden Ebene einsichtig, dass es beider dieser Kräfte, die in einem immanent spannungsreichen Verhältnis stehen, bedarf.

Topologisierung dieser Überlegungen

Das war nur die Zusammenfassung der Ausgangslage, denn das war eigentlich schon diskutiert. Jetzt der Gedankengang von heute: Es ist bei alledem ja noch eine ungeklärte Frage, warum Genealogie eigentlich als Kritik wirkt. Inwiefern kann Genealogie als Kritik bezeichnet werden? Ich vertrete hier die Auffassung: Weil sie affiziert. Genealogie ist das Erzählen der Gewordenheit von Subjektivität als Machtgeschichte, und genau dieser Aspekt der Machtgeschichtlichkeit hat das Zeug dazu, zu affizieren. Die Grundschablone ist die: Genealogie erzählt mir die Geschichte irgend einer Sache, die ich bislang als selbstverständlich oder wenigstens als unumgänglich aufgefasst habe, obwohl ich oder andere darunter aber vielleicht leiden, nun aber als ein Produkt spezifischer Machtkonstellationen. Diese Einsicht ist dann affizierend, denn sie bedeutet nicht einfach nur die intellektuelle Einsicht in eine Kontingenz im logischen Sinne (möglich aber nicht notwendig), sondern sie entlarvt, dass in der Art, wie es kontingenterweise geworden ist, Interessen am Werk waren, die mich (oder andere Subjekte) ausbeuten, entmächtigen, unmündig halten, abschirmen etc.

In einer spinozistischen Ontologie ist Macht selbst nichts anderes als Affizierungsvermögen. Insofern in die Subjektivität, in das Wissen, in den Diskurs, in die kulturellen Epistemen Macht eingeschrieben ist, bedeutet das, dass diese Strukturen auch der strukturierte Träger eines Affizierungsvermögens sind. Wenn ich unter diesen Strukturen in irgend einer Weise leide, dann ist das ein Resultat dieses Affizierungsvermögen, auch wenn ich darüber nicht notwendigerweise eine bewusste Einsicht habe. Was die Genealogie an dieser Stelle nun leistet ist – Spinozistische ausgelegt – eine adäquate Einsichten für diese Affizierungszusammenhänge zu schaffen. Sie lässt mich meine eigene Art und Weise, wie ich mich auf mich selbst beziehe, als Machtstruktur, also als fremdbestimmten Affizierungszusammenhang erblicken. Ich gelange dadurch zu einer klareren und deutlicheren Einsicht über meine Lage und die kulturelle Geformtheit meiner Affekte, die dadurch politisch mobilisierbar werden.

Genealogie ist somit empowernd, weil sie Einsichten und Begreifbarkeit über die Gewordenheit der Zustände liefert, und dadurch die vielleicht bislang unbewusst, melancholisch oder depressiv verbleibende Form der Affizierung von Subjekten in eine nach außen einsetzbare Kraft verwandelt. Eine bisher vereinzelnde Ohnmachts- oder Unterlegenheitsstellung qua Subjektivierung wird auf diese Weise mit der diskursiven Selbstthematisierungen der eigenen Lage verbunden, die vorhandenen Affekte werden rational-diskursiv untermauert und können deshalb in eine Form der Öffentlichkeit treten. Doch das ist kein rein individualistischer Vorgang. Vielmehr kommt an dieser Stelle ins Spiel, dass Affizierung resonanzfähig ist. Das heißt, dass sie dazu angetan ist, sich in Milieus, die in Bezug auf die zur Debatte stehende gesellschaftspolitische Sache eine ähnliche Stellung – also eine ähnliche Affiziertheit – haben, zu verbreiten und so etwas wie Vergemeinschaftung zu stiften. Genau dieses affektive Gemeinschaft-Stiften ist es, was den Übergang von der melancholischen Vereinzelung in den Zustand einer diskursiven Thematisierung der eigenen Lage vorantreibt. Der Diskurs eines genealogischen Narrativs ist deshalb immer getragen von irgendeiner Form der affektiven Resonanz, die allererst die Kräfte hervorbringt, mit der Menschen erkennen, dass sie ihre Lage mit anderen Menschen teilen. Dadurch fangen sie an, darüber zu reden, und im Zuge dieser Bewegung ein Vokabular und eine Theoretisierung zu entwickeln (oder bestehendes Vokabular und bestehende epistemische Strukturen zunächst einmal auflösen).

Die Quintessenz ist zunächst: Genealogische Kritik ist folglich nicht einfach nur „verflüssigend“ – wie gesagt, das ist sowieso mehr ein antagonistischer Vorwurf als ein gutes Verständnis dieser Verfahrensweise. Sondern vielmehr ist sie affizierend und in dieser Affizierung auf irgend eine Weise kollektivierend. Und das ist eigentlich gut, denn damit werden erst die nicht-hegemonialen Kräfte für gesellschaftlichen Wandel mobilisiert und gebündelt. Erst aus diesen Kräften heraus können neue normative Programme starten, die nicht theorieimmanent an die hergebrachte normative Tradition anschließen, sondern die Neuverhandlung eines akuten gesellschaftlichen Anliegens bewirken, weil es die Subjekte etwas angeht.

Bildung von Gegenrealitäten

Dennoch gibt es offensichtlich ein Problem der subjektphilosophischen Spielart der Kritik, das hiermit verbunden ist, und das viel größer ist als der Vorwurf der Verflüssigung: Subjektphilosophische Kritik besitzt eine charakteristische Anfälligkeit für die Bildung von Gegenrealitäten. Ein genealogisches Narrativ ist nämlich nicht nur eine nicht-hegemoniale Erzählung der Gewordenheit der Zustände und deswegen etwas, das auf Verflüssigung abzielt. Sondern wenn man den gesamtgesellschaftlichen Diskurs als eine topologische Struktur in Anschlag bringt, dann sieht man sehr deutlich, dass genealogische Kritik in einer Art Kurzschluss damit zu stehen scheint, sehr schnell lokale Gegen-Hegemonien aufzubauen, die sich selbst wieder in einem geteilten Affekt stabilisieren und ihre eigenen Formen der Selbstverständlichkeiten und Verbissenheiten aufbauen. Das liegt daran, dass es prinzipiell mehrere verschiedene genealogische Narrative für ein und die selbe Sache geben kann. Und da sich die Wirksamkeit und Wahrheit dieser verschiedenen Optionen eines genealogischen Narrativs nicht so unmittelbar über ein übergreifend verbindliches Kriterium ermessen lässt, sondern sich rein in den Intensitäten ihrer Affizierungspotentiale bemerkbar macht, entstehen auf diese Weise verschiedene diskursive Inseln, die jeweils einer verschiedenen Variante einer Genealogie folgen.

Subjekttheoretische Kritik läuft deshalb Gefahr, Realitätsblasen zu erzeugen, ähnlich wie wir es über Facebook und digitale Räume festgestellt hatten. Diese Realitätsblasen stehen antagonistisch – im Gegensatz zu agonistisch – zueinander. Das sieht man sehr leicht daran, mit welcher Affektgeladenheit diese Realitätsblasen gelegentlich aufeinander prallen. Da wird nicht versucht, den_die anderen umzustimmen oder zu argumentieren, sondern ganze Subjekte und ihre Existenzen werden verworfen, mit einer affektiven Kraft der Ablehnung und einem Gefühl der Empörung. Es ist ganz wichtig, gleich dazu zu sagen, dass das aber nicht grundsätzlich gegen die Wichtigkeit und Wirksamkeit subjektphilosophischer Kritik spricht. Sondern dies benennt eine praktische Gefahr dieser, insbesondere dann, wenn sie „schlecht“ gemacht wird, wenn das Kritisch-sein, das Alternativen-suchen, das Anders-leben nämlich subkulturell ästhetisiert und stilisiert wird, wie man es in den Hipster-Metropolenkulturen der Welt beobachten kann.

Selbstverständlich brauch jede Suche nach Alternativen zunächst einen geschützten Raum, in dem diese Alternativen probiert werden und in Resonanz treten können. Allein, im closet, betritt man kein Neuland. Doch diese Blasen, die eigentlich immer temporär und provisorisch bleiben sollten, laufen offensichtlich Gefahr, sich ästhetizistisch und subkulturell abzuschließen. Dabei verlieren sie ihren ursprünglich kritischen Impuls, und es schleicht sich in dem Maße ein Streben nach Anerkennung untereinander ein, wie eine solche Blase sich zum Regime ganzer Lebensrealitäten und Existenzweisen ausformt. Genau dieser Prozess scheint von viel unmittelbareren und stärkeren Kräften angetrieben zu sein als die eigentlich asketische Praxis der Kritik als Selbst-Kritik, der Arbeit an sich selbst im Sinne der eigenen Selbstbestimmung und Mündig-werdung.

Neues Selbstverständnis der normativen Theorie?

Viele wichtige Antworten auf dieses natürlich nicht ganz neue Problem zielen zunächst darauf ab, die „Arbeit an sich selbst“ und „Selbst-Techniken“ richtig zu verstehen, das heißt sie in der korrekten Auslegung irgendwelcher Primärtexte als wesentlich asketische Praktiken herauszuarbeiten, ohne sie zu neo-liberalen Selbst-Produktionstechniken zu verzerren, durch die man doch nur einem Spiel normalisierender Macht und einem Streben nach Anerkennung darin unterliegt. Gerade eine „Dialektik aus Rückzug und Präsenz“, die ich anderswo beschrieben habe, gehört zum wesentlichen Bestandteil einer solchen asketischen Praxis der Kritik als Selbst-Kritik: Diese besteht darin, einerseits gemeinsame Räume für das Experimentieren an den Grenzen seiner selbst aufzubauen und zu beleben, andererseits aber die Getriebenheit durch den Anerkennungsdiskurs, der in solchen Räumen notwendigerweise entsteht, immer wieder eigenmächtig zu durchbrechen – etwa durch Rückzug oder eine kontemplative Praxis –, um nicht dessen Sklave zu werden.

Doch darüber hinaus sehe ich in der letzten Zeit mehr und mehr noch einen zweiten Punkt (den ich auch versucht habe, in unseren Gesprächen in der Oberbayern-Pampa zu vertreten). Und darin kommt der normativen Theorie wieder eine Rolle zu, eine sehr sympatische Rolle nämlich: Ich denke, normative Theorie könnte dafür in den Dienst genommen werden, den Antagonismus, den subjektphilosophische und genealogische Kritik erzeugt, weil sie notwendigerweise einen affektiven Antrieb hat, in Richtung eines Agonismus zu verwandeln. Normative Theorie könnte – anstatt des erhobenen Zeigefingers, der rational-analytischen Klügelei oder der psychologisierenden Bevormundung mancher ihrer Beiträge – sich darum bemühen, die divergierenden Realitätsblasen unserer post-demokratischen Gesellschaft wieder ins Gespräch zu bringen. Was ich meine ist Normativität in einem abgeschwächten Sinne, bei der zunächst – bevor wir uns die immanenten Widersprüche unseres Denkens oder die wirklich vernünftigen Lebensformen analytisch vorrechnen lassen – die Schaffung eines gemeinsamen Gesprächsvokabulars, gemeinsamer Kategorien und der gemeinsamen Identifizierung von Problemkomplexen erfochten werden würde. Das heißt: Diese normative Tätigkeit sollte nicht nach umarmender Vereinnahmung der Widersprüche durch ein übergreifendes Lösungsprinzip streben, sondern eine große Errungenschaft wäre es schon, wenn verschiedene Subjekte aus den verschiedenen affektiv aufgeladenen Realitätsblasen es erstmal überhaupt dahin bringen würden, ihre gegensätzlichen Positionen in einer Weise zu artikulieren, die für die jeweils anderen nachvollziehbar ist. Es geht um diese Ermöglichung eines agonistischen Konfliktdiskurses, der uns mehr und mehr abhanden kommt, für die wir ein normatives Streben schwacher Art benötigen.

PS

Übrigens ist auch das letztlich eine Arbeit, die wieder in der Begreifbarmachung und diskursiv-verstandesmäßigen Erschließung affektiver Konstellationen liegt: Diesmal der affektiven Kräfte, die diese Realitätsblasen voneinander trennen, und die tief eingelassen sind in Grundverschiedene Weltanschauungen.

Im Nachsatz sei noch erwähnt, dass dieser Text keinesfalls so missverstanden werden darf, dass die affektive Komponente, die die Realitätsblasen zusammenhält und die den Motor subjektphilosophisch basierter Kritik darstellt, für einen Missstand zu erachten, der diese Formen der Kritik von vornherein disqualifizieren würde. Nach dem Motto: Normative Theorie ist deshalb die einzig wahre Theorie und die einzig ernstnehmbare Kritik, weil sie die einzige sachliche, rationale und objektive Kritik ist, während alles andere eben subjektiv, individualistisch, neuerdings sogar explizit affektiv ist. Tatsache ist dagegen: Normative Theorie der herkömmlichen – patriarchalen – Sorte ist selbst durch affektive Kräfte gestützt, nur dass diese Theorie noch nicht so weit gekommen ist, das selbst einzusehen. Nicht anders kann ich den Urteilsgestus, die rational-paternalistische ‚Ich weise euch jetzt die immanenten Widersprüche eures Denkens und Empfindens nach, und wenn ihr danach immer noch so denkt und empfindet, dann seit ihr dumm‘-Haltung auffassen. Zu meinen, Lebensrealitäten in einer rationalen Analyse oder einer Arithmetik der Deduktionen und Widersprüche erfassen zu können, der betreibt damit selbst einen ziemlich selbstgefälligen Machtdünkel. Er verschleiert die autoritäre Funktionsweise seines eigenen Denkens dabei lediglich in der etablierten Autorität der Ratio und des Logos. Wer nicht um die Wirksamkeit seiner Texte und Argumente ringen muss, sondern darauf vertrauen kann, dass diese sich aus der rationalen Schlüssigkeit seiner Argumente schon selbst ergibt, der verrät damit, dass er in Wirklichkeit mit seinem Denken nur auf einem hinreichend festen Status-Sockel sitzt. Von dessen akkumulierter Macht wird das Ringen um die Wirksamkeit seiner Denkergüsse dann übernommen.

Normative Theorie ist dort am schlimmsten, wo sie mit institutioneller Hegemonie gekoppelt ist. Und das ist, mit Verlaub, in Deutschland der status quo. Die normative Theorie, die produktive Beiträge leistet, wird aus dem Off kommen, denn nur da kann sie in einer Weise gedeihen, dass daraus nicht die Philosophie des Staates wird. Das ist übrigens eine Sache, die dem dekonstruktiven Lager nicht so leicht passieren kann.

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