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Schuld, Regeln, Selbsthass: Der deutsche Blick auf Griechenland

Das soziale Bewusstsein der Neuen dt Mittelschicht – so stelle ich frei nach Wilhelm Reich zur Diskussion – ist nicht gekennzeichnet durch Schicksalsgemeinschaft mit den anderen, sondern durch ihre Stellung zur staatlichen Obrigkeit und zur „Nation“. Diese besteht in hassliebender Identifizierung mit der Staatsmacht und ihrem Regelwerk: In die Subjektivität unserer Neuen dt Mittelschicht ist tief das Denken in Rechtschaffenheit und ein strenger disziplinierender Blick auf sich selbst eingebrannt. In diesem Denken findet unsere Gesellschaft seit dem zweiten Weltkrieg den einzigen ihr möglichen Ausdruck eines Demokratiesinns.

Die Identifikation mit der Staatsmacht ist heute – anders als im Faschismus-Szenario Wilhelm Reichs – allerdings nicht mehr auf den Demagogen gerichtet. „StaatsträgerInnen“ wie Angela Merkel sind keine Führerfiguren im klassischen Sinn. Sie sind Figuren, die nicht mehr Führer sein dürfen. An dem Affekt tiefer Empörung, den der Vergleich Merkels mit Hitler, wie er jüngst auf vereinzelten Plakaten auftaucht, in unserer bürgerlichen Mitte auslöst, zeigt sich dieser spezifisch deutsche Konflikt. Der Affekt verrät: das Thema Führer und Gehorsam haben wir lange noch nicht erinnert und durchgearbeitet.

Es möchte deshalb so scheinen, dass die psychische Struktur für die Führer-Identifizierung in unserer Mitte noch immer vorhanden ist – nur wird ihr gründlich das Objekt versagt. Regeln sind das anonyme Ersatzobjekt dieses verhinderten Begehrens. Die Erstarrung der Politik in eifriger Rechtschaffenheit und Oberlehrerposen ist die Praxis, in der diese psychische Struktur einer kollektiven Ersatzbefriedigung frönt. Die deutsche Regelfixierung ist deshalb in ihrem tiefsten Grund lustvoll und verkappt libidinös; sie ist ein Regelfetischismus im Erbe des Faschismus.

Die Demobilisierung der Demokratie durch Verschiebung eigentlich politischer Fragen in die Mechaniken der Technokratie ist die gegenwärtige politische Bahnbrechung dieser verdrängten Lust. Sie akkumuliert sich zu einer Form der Macht, die sich selbst als politische und verantwortliche verleugnet („alternativlos“), und dazu in unserer Führerfigur, die offiziell kein Führer sein darf, das beste Bild findet.

Als eine Schicksalsgemeinschaft – als solidarisch zusammenhaltendes und empathisch aufeinander bezogenes Gebilde – empfindet sich die neue dt. Mittelschicht deshalb nicht, weil ihr die Bezugnahme auf die anderen nur in den Termini nach-wie-vor-kriegs-deutscher Tugenden möglich ist: Recht, Ordnung, Pünktlichkeit und Toleranz (vgl. Handdelsblatt 28.06.2011). Diese „Tugenden“ (diese Verkrampftheit) ist der tägliche Ausdruck einer verdrängten Schuld. „Es kehre jeder vor seiner Haustür, dann ist auch überall sauber“ ist das Motto der kollektiven Abwendung von der eigenen Mitverantwortung. Wer sich insgeheim schämt oder schuldig fühlt, der zieht sich auf das zurück, was er offiziell beanspruchen kann, der verweist wie das starrsinnige Kind auf irgendwelche doch geltenden Regeln, um davon abzulenken, was er eigentlich aus Lust getan hat.

Diese Psychologie ist die aktuelle Form einer Untertanenmentalität: Oben steht die anonyme Entität, die das Gebilde einsamer Rechtschaffener im Ganzen bildet; unten stehen alle die, die uns vermeintlich etwas schuldig sind. Auf sie können wir im geheimen unsere eigene Schuld und unsere Scham projizieren. Mit dieser emotionalen Arbeit, zu der jeder Einzelne einen kleinen Teil beiträgt, prostituiert sich unsere Neue dt Mittelschicht bereitwillig im Dienste der Interessen der europäischen Eliten.

Wilhelm Reich sagt: Die Identifizierung mit der Behörde, der Institution, der Autorität, dem Staat stellt eine psychische Realität dar. Sie ist eines der besten Beispiele für eine zur materiellen Kraft gewordene Ideologie. Die tiefenpsychologische Disposition der Neuen dt. Mittelschicht ist die entscheidende Humanressource, um die operative Politik im Interesse der herrschenden Eliten Europas auszugestalten. Ständig den Blick nach oben gerichtet, bildet der Kleinbürger eine Schere aus zwischen seinen faktischen Möglichkeiten politischer Mitgestaltung und seiner Ideologie. Er lebt wirtschaftlich wie intellektuell in kleinen Verhältnissen, in einer Unterwerfungsstruktur ohne es zu wissen. Er ist mit der griechischen oder der spanischen Mittelschicht damit eigentlich mehr verbunden, als mit der Oberschicht des eigenen Landes. Aber er tritt nach außen repräsentativ auf für den Machtapparat, dem er dient, dies oft bist zur Lächerlichkeit übertreibend.

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