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Nachrichten aus der Anstalt, Teil 1: Über Empathie und Ressentiments gegen Geflüchtete

Neue junge Ärztinnen

Lars ist ein junger, schwäbischer, weißer, angenehm gebräunter Arzt, der eine kindlich-sympathische Begeisterung für Dinge hat, die gut funktionieren. Fasziniert ist er etwa von Apple-Produkten: mit seiner neuen Apple Magic Mouse kann er durch eine simple Wischbewegung mit drei Fingern auf dem integrierten Touchpad ins Dashboard seines iMac wechseln! Gleichzeitig stört sich Lars an Dingen, die nicht funktionieren. Dazu gehört natürlich die Politik im Allgemeinen, und im Speziellen die Situation der Geflüchteten in Deutschland. Wahrscheinlich wählt er grün, ist gegen TTIP und würde sich wohl als links bezeichnen, und ziemlich sicher hat er einen hohen moralisch-ethischen Anspruch an sich und sein Handeln im Alltag als Arzt auf der internistischen Notaufnahme. Er bemüht sich überdurchschnittlich, seinen Studentinnen etwas beizubringen.

Typisch für seine Position in einem System, das Privilegien unsichtbar lässt, wurde er wahrscheinlich noch nie mit der Tatsache konfrontiert, dass seine herausragende gesellschaftliche Rolle nicht nur auf seine herausragenden Fähigkeiten und sein vorbildliches Engagement gegründet ist. Die Machtstrukturen, die es Menschen mit weniger Privilegien deutlich erschweren, derartige Positionen zu erreichen, bleiben ihm verborgen. Dieses Defizit an Reflexion fällt jedoch zumeist nicht besonders negativ auf, er ist gerade keiner der klassischen alpha-male-Oberarzt-Figuren, die sich sonst im Dunstkreis eines universitären Krankenhauses rumtreiben. Denn in seiner guten, bildungsbürgerlichen Kinderstube hat er ein gehöriges Maß an Bescheidenheit als erstrebenswerter Tugend mitgekriegt. Alles in allem also einer der angenehmeren Ärzte, an dem man – wenn man einen guten, empathischen Arzt haben will – sicher nichts auszusetzen haben sollte und nichts kritisieren kann. Als solcher steht er stellvertretend für eine Generation von jungen Ärztinnen, die nicht mehr viel mit den Ärzte-Patriarchen der letzten Jahrhunderte zu tun haben und den Muff der alten Autorität und „Götter in Weiß“-Mentalität abgelegt haben.

Empathie als Grundlage ärztlichen Handelns

Ich möchte im Folgenden jedoch anhand einer kleinen Erzählung darauf hinarbeiten, Empathie, welche im Allgemeinen und insbesondere von Medizinerinnen als eine wesentliche Grundlage ärztlichen Handelns betrachtet wird, nicht so sehr als eine Charaktereigenschaft oder Fähigkeit der Ärztin zu denken, sondern als etwas, das in der sozialen Begegnung von Ärztin und Patientin situiert ist. Insbesondere wird sich zeigen, dass Empathie nicht etwas ist, was „man“ hat oder nicht hat. Solch ein Bild wird jedenfalls in Medizinerinnenkreisen häufig transportiert (vgl. etwa die Aussage werde in einem Artikel im Ärzteblatt[1]: „Empathie ist eine Haltung“ bzw. „Empathie ist die Fähigkeit…“). Stattdessen will ich an einem konkreten Beispiel aufzeigen, dass es fruchtbar wäre, die Auswirkungen von Macht- und Diskriminierungs-Strukturen auf „ärztliche Empathie“ zu untersuchen

Geflüchteten in der Notaufnahme

Nun möchte ich eine Geschichte erzählen, wie sie jeden Tag hunderte Male passieren mag. Es ist gegen 1 Uhr in der Nacht. Die Notaufnahme ist ziemlich leer. Auf einer Liege liegt Frau Waris, vor wenigen Tagen aus Somalia in Deutschland angekommen (zumindest steht das so im Ausweis). Frau Waris ist um die zwanzig Jahre alt und kommt aus dem Flüchtlingsheim mit der Feuerwehr. Warum sie in der Notaufnahme ist, kann vom Personal niemand so recht sagen. Ob sie selbst das weiß? Schwer herauszufinden, denn leider spricht sie kein Deutsch und kein Englisch. Bisher hat sich auch niemand so recht die Mühe gemacht, sie zu fragen, welche Sprache sie denn eigentlich spricht, vermutlich hat man das ja eh noch nie gehört, und außerdem ist ein dolmetschender „Freund“ (Bekannter? Ehemann? Mitbewohner aus dem Heim? So genau weiß das keiner…) dabei. Nicht dass hier Missverständnisse entstehen: Auch dieser Freund spricht nur rudimentär Deutsch und Englisch, vielleicht gerade genug, um zu erklären, dass Frau Waris Schmerzen hat.

Die PJ-lerin bemüht sich redlich, der Situation gerecht zu werden; doch nach wenigen Minuten der Anamnese stellt sich heraus, dass 1. die Bauchschmerzen, welche der Grund für den Transport mit der Feuerwehr ins Krankenhaus sind, am ehesten von ihrer heute einsetzenden Regelblutung herrühren; 2. der auf dem Einlieferungsschein der Feuerwehr angegeben Grund „besteht darauf, ins Krankenhaus gebracht zu werden“ entweder nicht mehr, oder vielleicht auch nie wirklich bestand. Ist ja auch irgendwie schwer vorstellbar, dass Frau Waris, schweigend, eingeschüchtert und unfähig, irgendwas auf Deutsch zu sagen, den Feuerwehrleuten gegenüber „darauf bestanden hat, ins Krankenhaus gebracht zu werden“. Nun ja, jedenfalls ist Frau Waris – soweit es die eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten sichtbar werden lassen – sehr glücklich mit der Perspektive, nicht in der furchtbar deprimierenden Notaufnahme die Nacht zu verbringen, sondern wieder „nach Hause“ – will heißen, ins Flüchtlingsheim – zu gehen. Lars zeigt die ganze Zeit über herzlich wenig Interesse an der Patientin und lässt sich den Fall nur von der PJ-lerin vorstellen. Er selbst führt nur ein wenige Sekunden dauerndes Gespräch mit Frau Waris.

So weit, so gut. Solche Situationen passieren in dieser Notaufnahme jeden Tag mehrfach und sind nichts besonderes. Als die Infusion durchgelaufen ist und die Patientin mit ihrem dolmetschenden Freund verabschiedet worden ist, sitzt das Personal (also die Ärztinnen und Pfleger) gemeinsam in der Kanzel, als der dolmetschende Freund noch einmal zurück kommt und fragt, ob Frau Waris und er „wieder mit dem Krankenwagen zurückfahren“. Ihm wird erklärt, dass sie alleine fahren müssen, und beide verlassen die Notaufnahme.

Kaum sind sie außer Hörweite, bricht unter dem Personal ein Sturm der Entrüstung aus: „Die denken wirklich, hier sei das Schlaraffenland“. Unser Lars erklärt: „ich würde doch nie auf die Idee kommen, in einem fremden Land danach zu fragen, ob ich mit dem Krankenwagen nach Hause gebracht werde“. Und in genau diesen Momenten der gegenseitigen Selbst-Vergewisserung re_produziert sich der deutsche hegemoniale Mainstream: Es ist doch eigentlich ziemlich dreist von den beiden, hier „aufzuschlagen“[2] (hier, in der Notaufnahme? oder meinen wir dabei nicht eigentlich: hier, in Deutschland?) und etwas von unserer wertvollen Zeit in Anspruch zu nehmen. Und dann noch wegen so einer Nichtigkeit. Und dann auch noch mit dem Krankenwagen zurückgebracht werden? Nachdem sie schon mit dem Krankenwagen in die Notaufnahme gefahren wurden, und es dafür eigentlich keinen medizinischen Grund gab? Hier offenbart sich plötzlich eine überraschende Engstirnigkeit der Perspektiven seitens des Personals. Es erfordert ja wirklich nicht viel Empathie, diese „dreiste Frage“ einfach als eine höfliche Nachfrage zu interpretieren. Eine Nachfrage, die vor allem aus der Unkenntnis der konkreten Abläufe in einem fremden Land, dessen Sprache man kaum beherrscht, erwächst. Irgendwas scheint es da zu geben, dass verhindert, dass unser freundlicher, korrekter und sympathischer Lars dieser Minimalleistung menschlichen Einfühlungsvermögens fähig ist. Aber was ist das? Natürlich finden sich hierbei manchen die selben Ressentiments gegen Flüchtlinge, welche auch die Gassen Dresdens, Facebook-Diskussionen und die konservativen Feuilletons füllen Doch anhand der Person von Lars fiel mir auf, dass das Problem der ärztlichen Empathie auf der Ebene des einzelnen Individuums, individualpsychologisch betrachtet, noch etwas komplizierter ist und sich nicht pauschal auf Ressentiments und rassistisches Gedankengut zurückführen lässt.

Lars ist kein schlechter Mensch

In der gleichen Nacht, nur wenige Stunden später, ereignete sich noch eine andere Geschichte. Frau Wöllner erscheint mitten in der Nacht in Begleitung ihres Ehemannes. Die beiden erscheinen als typische Exemplare der deutschen linksliberale Mitte, Modell Bildungsbürgertum mit einem Einschlag Berlin-Kreuzberg. Er: kurzes Haar, mittlerweile fast eine Glatze. Typ Oberstudienrat, Geschichte und Latein. Sie: eine rote Fielmann-Brille, ergrautes, langes, voluminöses Haar. Neben ihnen Die Zeit.

Frau Wöllner hat einen Tumor im Bauch, und seit Neuestem auch Schmerzen, aber niemand weiß woher (vom Tumor können sie nicht kommen, der ist zu klein). Das sind die unangenehmsten Fälle für Ärztinnen: Schlimme Schmerzen – und keine Ursache. Die Patienten verzweifeln, die Ärztinnen ebenfalls, und beide sind mit der jeweils anderen unzufrieden. Doch auf wirklich erstaunliche Art führt Lars ein Gespräch, das im Sprech der Psychiaterinnen wohl am ehesten ein „entlastendes Gespräch“ genannt werden würde. Er nimmt sich eine ganze halbe Stunde Zeit, um alle möglichen Strategien des Umgangs mit den Schmerzen zu entwickeln. Ich will das jetzt nicht im Detail ausbreiten, aber die allgemeine Stoßrichtung sollte klar werden: Diese zweite Situation beweist, dass Lars in dieser Nacht sehr wohl zu Empathie gegenüber seinen Patientinnen fähig war, und dass diese Empathiefähigkeit auch immense Auswirkungen auf sein ärztliches Handeln hatte.

Wie Empathie verstehen?

Ich möchte nun  zwei Thesen formulieren: Erstens denke ich, dass Empathie als etwas in der speziellen Ärztin-Patientin-Beziehung liegendes gedacht werden muss. Wie obige Beispiele zeigen, ist Empathie keine Fähigkeit, die Lars erst gegenüber Waris nicht besitzt, und dann wenig später bei Frau Wöllner gewinnt. Stattdessen sollte Empathie als etwas betrachtet werden, was zwischen Ärztin und Patientin vorhanden ist bzw.  entsteht (oder eben nicht entsteht). Es ist also weder eine Eigenschaft des Arztes, noch eine „Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen“.

Zweitens erscheint es mir lohnenswert, die Bedingungen der Empathie zu Untersuchen. Es ist natürlich kein Zufall, dass sich Lars gegenüber Frau Wöllner empathisch zeigte, gegenüber Frau Waris jedoch nicht. Im konkreten Fall vermute ich als Hinderungsgrund nicht so sehr Ressentiments gegen Geflüchtete, sondern vielmehr das Fehlen einer gemeinsamen sprachlichen Basis und Erfarungswelt, welche dazu führen, dass Frau Waris für Lars mehr ein unpersönlicher medizinischer Fall als ein Individuum mit individuellen Problemen war (und Lars dementsprechend für Frau Waris so ein schlechter Arzt war). Ich postuliere hier, dass es einerseits natürlich Formen gesellschaftlicher Macht und Diskriminierungsstrukturen sind, letztlich aber auch Mikroeigenschaften der Kommunikationsräume (wie z.B. das Sprechen einer gemeinsamen Sprache – im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne) sind, die ärztliche Empathie ermöglichen

Anders als üblicherweise im Medizinerinnen-Diskurs ist nämlich Empathie nicht nur etwas, was dem Patienten  direkt hilft, so wie man dem Patienten neben der richtigen Medikation etwa auch eine Packung Empathie mit auf den Weg geben muss (ein solches unterkomplexes Empathieverständnis nämlich häufig in Kursen der „ärztlichen Gesprächsführung“ im Medizinstudium vermittelt). Das, was so salopp mit Empathie bezeichnet wird, ist etwas, was auch direkte Rückwirkungen auf die Ärztin hat. Man sollte Empathie also weniger als etwas entlang der Kommunikationslinien Transportiertes denken. Stattdessen ist „Empathie“ ein Vermögen, ein Potentialfeld, welches weder in Patient, noch in der Ärztin, sondern irgendwo in der Beziehung der beiden liegt. Als Lars und die PJ-lerin Waris Fall besprechen, kommen sie auch auf die soziale Situation von Frau Waris zu sprechen. Doch interessanterweise verbleibt die Diskussion im Abstrakten, sie wird nie individuell. Lars sagt: „Das ist doch scheiße, du bist in Somalia, da ist es scheiße; dann kommst du nach Deutschland, kannst die Sprache nicht, musst im Heim Leben, bist krank, und dann ist es doch in Deutschland auch scheiße, du wirst nicht willkommen geheißen usw.“ Diese abstrakte Einsicht in die problematische Situation, der sich Geflüchtete in Deutschland ausgesetzt sehen, überträgt sich nicht in konkrete Empathie gegenüber Frau Waris. Ich vermute also, dass es ein lohnenswertes Projekt wäre, die Bedingungen von Empathie als Grundlage ärztlichen Handelns zu untersuchen.

 

Nachsatz

Während ich diesen Text verfasste, fiel mir plötzlich auf, wie ich Frau Wöllner als einen Mensch mit individuellen Zügen eingeführt habe: ich habe ihr Äußeres beschrieben und Spekulationen über ihr Inneres angestellt. Ich fragte mich plötzlich, warum ich all das aufschreibe, und bei Frau Waris auf solche Mutmaßungen und Beschreibungen des Äußerlichen verzichtet habe? Ich denke, ich liefere hier selbst gutes Anschauungsmaterial, wie trotz der besten Vorsätze die äußeren Merkmale (Aussehen, Sprache) unserer Patientinnen dazu führen, dass wir Ärztinnen uns affektiv in eine bestimmte Schwingung versetzen, ein gewisses Vermögen zur affektiven Resonanz in uns freigesetzt wird. Wir erkennen Frau Wöllner als eine unseresgleichen, und dadurch erscheint sie auch gleich als ein Individuum mit einer individuellen Geschichte. Und es sollte kein Zweifel darüber bestehen, dass solch ein Vermögen zur affektiven Resonanz dann auch enormen Einfluss auf unsere empathischen, diagnostischen und auch therapeutischen Möglichkeiten hat.

[1] http://www.aerzteblatt.de/archiv/159469/Patientenorientierung-Empathie-Die-Faehigkeit-des-Mitleidens

[2] typische Ausdrucksweise, um das Auftauchen von Patientinnen in der Notaufnahme zu bezeichnen

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