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Zum Begriff der Krise

Was meinen wir, wenn wir in Diskussionen zu der aktuellen Lage in Griechenland und in Europa von Krise sprechen? Welche Implikationen haben verschiedene Bedeutungen von Krise für die Analyse in der aktuellen Lage? Für diese Frage möchte ich dem Begriff der „Krise“ nachgehen und einen Versuch wagen, gleichermaßen die historischen wie gegenwärtigen Bedeutungen zu fassen. Grundlage bilden die begriffsgeschichtlichen Ausführungen des Historikers Koselleck zum Begriff „Krise“.1 Die gedankliche Bewegung ist dabei stets die gleiche: Ich werde drei Bedeutungen des Begriffs Krise – aus der Ökonomie, der Medizin und dem Recht – einführen und dann kurz auf die Implikationen in der gegenwärtige Krise hinweisen. Religiöse und geschichtsphilosophische Bedeutungen werde ich höchstens am Rande streifen.

Zunächst zu den griechischen Bedeutungen des Wortes „Krise“: die Bedeutungen des Verbs („krinein“) reichen von „urteilen“ und „entscheiden“ bis zu „sich messen“ und „kämpfen“.2 Diese großes Spektrum an Bedeutungen wird über die weitere Geschichte des Begriffs erhalten bleiben.

1. Krise in der Ökonomie – erst im 18. Jahrhundert wird Krise auch im Zusammenhang mit ökonomischen Themen eingeführt. Zu Beginn noch ohne theoretische Verortung waren neben der Krise auch die Begriffe Stockung oder Krankheit oder Gleichgewichtsstörung üblich. Gerade letzteres erlaubt eine interessante Verbindung zum Fortschritt – nur mit weiterem Fortschritt ist nach einer Gleichgewichtsstörung die Auflösung der Krise möglich.3 Erst in den 1830er Jahren setzte sich der Begriff der Krise durch – bei Malthus spielte Krise keine Rolle – und die Thesen der Überproduktion und auch der Wiederkehr von Krisen gewannen an Bedeutung. In eine ähnliche Richtung gehen dann auch die Überlegungen von Marx. Mit der systemimmanenten Krise von Überproduktion und der geschichtsphilosophisch angehauchten Idee einer letzten großen Krise, die das System zu sprengen vermag, bietet Marx zwei Vorstellungen zur Krise.4 Im Bezug auf die Gegenwart lassen sich damit zwei Standpunkte andeuten – zum einen eine Form von Analyse, in der stets auch gefragt werden sollte, nach welchen Kriterien eine Krise als solche überhaupt identifiziert werden kann, und zum anderen ein Standpunkt der ungewissen, ein Stückweit ohnmächtigen Hoffnung.

2. Krise in der Medizin – Wichtig und dominant bis weit in die Neuzeit war und ist der Begriff der „Krise“ für die Medizin und umfasst den beobachtbaren Befund und auch den „entscheidenden“ Moment im Verlauf der Krankheit, der gleichzeitig auch Handlungen aufgrund der Situation legitimiert und Handlungszwänge mit sich führt.5 Angewandt auf die Gegenwart impliziert ein so verwendeter Begriff gewissermaßen einen therapeutischen Standpunkt: als Beobachter oder politischer Entscheidungsträger diagnostiziere ich beispielsweise den Finanzmärkten Probleme mit Eigenkapitalquoten oder einem Staat zu hohe Verschuldung und empfehle oder verabreiche entsprechende Medikamente – seien es Austerität oder eine stärkere Regulierung. Gerade die Legitimation von Handlungen in diesen Situationen bietet eine weitere interessante Implikation: Affirmativ sei hier auf Milton Friedman verwiesen, der in Capitalism and Freedom Krisen als einzige Chance von Veränderung sieht und dazu auffordert für solche Fälle entsprechende Ideen entwickelt zu haben6 oder auch Karl Lamers, einem engen Vertrauten von Wolfgang Schäuble, der den Gedanken von Friedman aufgreift und Zitat „in Krisen den Entwicklungsmodus für Großprojekte“ sieht.7 Als Gegenwartsdiagnose findet sich die Idee, dass Krisen und Ausnahmezustände gar als Mittel, als Regierungskunst zu verstehen seien zugespitzt bei dem Unsichtbaren Komitee wieder.8 Der Therapeut wehrt sich dieser Interpretation folgend gewissermaßen nicht gegen krisenhafte Situationen, sondern bevorzugt das Manövrieren in solchen Gewässern.

3. das Recht – interessanterweise wurden in juristischen und auch politischen Kreisen in der Antike, die Krise und die Kritik nicht getrennt. Der sachlich gegebene Moment der „Entscheidung“ fiel mit subjektiven „Urteilsfindung“ zusammen, also mit dem, was heute in den Bereich der Kritik fällt. Die Position wäre dann die eines Kritikers.9 Dieser Moment der Kritik in der Krise zeigte sich vor allem zu Beginn der Finanzkrise. Es sei daran erinnert, dass selbst Alan Greenspan – damaliger Chef der amerikanischen Notenbank – äußerte, dass das gesamte (ökonomische) intellektuelle System zusammengefallen sei.10 Der alte begriffliche Zusammenhaft aus dem Bereich des Rechts ist hier noch virulent, auch wenn selten im Diskurs dominant. Krisen können dann, wie Joseph Vogl es ausdrückt, zu intellektuellen Glücksfällen werden.11 Vormalige Gewissheiten, zum Beispiel zur Stabilität von Finanzmärkten, zur Souveränität von Staaten brachen zusammen und bieten Raum für neue Begriffe und Theorien.

Die drei skizzierten Verständnisse von Krise deuten für weitere Diskussionen zur Eurokrise auf verschiedene Aspekte hin: Erstens, das, was unter Krise verstanden werden kann, ist höchst unterschiedlich. Zweitens, Hoffnungen auf ein Ende der gegenwärtigen Krise sind womöglich illusorisch, wenn Krisen als Regierungsform verstanden werden. Drittens, gerade für kritische Gesellschaftstheorie liegt in dem letzten Verständnis von Krise auch eine Gelegenheit Leerstellen zu besetzen.

1Koselleck, R. (1982). Krise. In: Brunner, O.; Conze, W.; Koselleck, R. (eds.). Geschichtliche Grundbegriffe. Klett-Cotta, 617-650. Koselleck, R. (2006). Begriffsgeschichte. Suhrkamp.

2Siehe Koselleck 1982, 617.

3Siehe Koselleck 2006, 211.

4Siehe Koselleck 2006, 213.

5Siehe Koselleck 1982, 618 und 626.

6Siehe Friedman, M. (2002) [1962] Capitalism and Freedom. The University of Chicago Press, XIV.

8Unsichtbares Komitee (2014). An unsere Freunde. Nautilus Flugschrift, 19-23.

9Siehe Koselleck 1982, 618.

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