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Financial Engineering: Die Magie der Zahlen

Am 21. September, gegen 17 Uhr – ich saß bei meinen Eltern zum Kaffee im Wohnzimmer, während der Fernseher lief – zeigte der Nachrichtensender ntv eine Werbung für CFDs. Ein Mann im schneidigen Anzug schreitet durch einen dunklen Raum. Er bleibt stehen, öffnet die Hände und ein projezierter Bildschirm erscheint vor ihm. Und wie er die Hände bewegt, bewegt er zugleich auch Dinge auf dem Bildschirm, die nicht nur mit zischenden Geräuschen unterlegt sind, auch special-effects-Strahlen kommen aus seinen Händen. Dieser Mann, so stellt sich heraus, ist kein Magier, sondern ein sogenannter Broker, ein Börsenmakler also, der mit seinen magischen Kräften den (computerbetriebenen) Finanzmarkt sicher in den Händen hat und souverän zu bestimmen weiß. Der Werbeclip endet mit dem Aufruf, sein Geld (magisch-sicher) in CFDs anzulegen. Was CFDs sind, das verrät der Werbeclip nicht. Nur ein kleines Sternchen führt zu einer wenige Sekunden lang eingeblendeten Fußnote mit Kleingedruckten, in der auf das Risiko von CFDs hingewiesen wird.

Was also wird da, so kurz nach der Finanz- und Eurokrise den Menschen zuhause nahegelegt als kleines privates Wirtschaftswunder, das man sich von seinem persönlichen Broker-Magier an der Börse abholen könne? Und von dem man zugleich übers Kleingedruckte Abstand nimmt? Eine Recherche dazu erwies sich als kaum verständlich und unentwirrbar. Ein Übersetzungsversuch:

CFD steht für „contract for difference“, auf Deutsch: Differenzkontrakt. Klingt nicht so sexy und verrät noch nicht viel über den Sinn dieses Finanzprodukts. Wikipedia erklärt CFDs wie folgt: CFDs sind „eine Form des total return swaps. Hierbei vereinbaren zwei Parteien den Austausch von Wertentwicklung und Erträgen eines Basiswerts gegen Zinszahlung während der Laufzeit.“ Das bedeutet erstmal: CFDs sind Verträge auf Zeit. Mit einem CFD-Vertrag „kauft“ ein „Käufer“ aber nicht ein Produkt, sondern die (zukünftige) Preisentwicklung dieses Produkts: Es wird also darauf gewettet, dass der Preis von etwas steigt oder sinkt. Der „Verkäufer“, der diese Wette anbietet, erhält für diese Zeit also Geld. Und nach Ablauf dieser Zeit gibt der „Verkäufer“ dem „Käufer“ die Zinsen für das erhaltene Geld und einen Betrag entsprechend der Preisentwicklung zurück.

CFDs sind Swaps, das heißt, sie fallen unter den Sammelbegriff für all jene Finanzprodukte, die zukünftige Zahlungsströme „austauschen“ (to swap = tauschen). Wobei der Swap-Begriff hübsch verschleiert, dass es sich dabei in Wirklichkeit um Spekulation1 handelt. Und zwar spekuliert man mit Swapgeschäften in gebündelter Weise auf den Marktwert eines Produkts. Der Unterschied zwischen CFD und Swap besteht nun darin, dass der CFD eine spezifische Form der Swaps darstellt, die wesentlich flexibler ist: Während Swaps feste Laufzeiten haben, lässt sich in CFDs die Laufzeit frei zwischen den beiden Vertragsparteien verhandeln. Das also ist mit Differenz gemeint.

Nun gibt es nicht nur eine Reihe verschiedener Swaps, sie gehören wiederum einem größeren Sammelbegriff an: den Derivaten. Derivat steht für Ableitung, und beschreibt das auch hinter CFDs und Swaps stehende Prinzip: Ich kaufe mit Derivaten nicht ein Produkt am Finanzmarkt (wie eine Aktie oder eine Anleihe), sondern ich „kaufe“ das Risiko dieses Produkts.2 Das klingt erstmal seltsam (warum sollte jemand Risiko kaufen?), ist aber ein ziemlich gewitztes Prinzip. Denn lässt sich das Risiko vom Produkt „abspalten“, hat man dadurch auch ein neues Produkt erschaffen. Die Abspaltung funktioniert darüber, dass es eben nicht das Produkt ist, das man erwirbt, sondern auf den zukünftigen Marktpreis dieses Produkts spekuliert.3 Und das heißt nichts anderes, als dass man das Risiko trägt, dass das jeweilige Produkt nicht entsprechend an Wert gewinnt oder verliert. Dieses neue Produkt, das Derivat, hängt damit zwar am Ursprungsprodukt (insofern der Marktpreis entscheidend ist), hat aber zwei entscheidende Konsequenzen:

a) es fließt mehr Geld, denn es gibt auch mehr Produkte, und das lässt nicht nur das Volumen des Finanmarktes (und damit seine Bedeutung) anwachsen, sondern vermehrt auch die Geschäfte und damit die Transaktionskosten im Finanzbusiness.

b) Derivate eignen sich besonders gut dazu, nicht an der Börse gehandelt zu werden. Börsen legen bestimmte Standards und Regularien für die Produkte fest, die über sie gehen – und sie fordern Gebühren. Dies lässt sich mit Derivaten umgehen, da sie als individiduelle und direkte Verträge konstruiert wurden.4 Dies nennt man dann OTC-Handel („over the counter“). Das geht schneller, individueller, flexibler, kann aber schlechter kontrolliert und reguliert werden, und manchmal fehlt auch das Referenzprodukt (= Betrug). Der OTC-Derivate-Handel hat mittlerweile ein wahnsinniges Volumen erreicht: von 1990 bis 2009 ist er um Faktor 120 gestiegen. Allein im zweiten Halbjahr 2010 handelte es sich um einen Nominalwert von 610 Billionen (!) US-Dollar.5

CFDs sind also Swaps sind also unregulierte Derivate. Letztlich stehen diese Namen für eine Reihe von „Erfindungen“, die auf dem Finanzmarkt gemacht wurden (und beständig um neue erweitert werden), um derart Regulierungen, illegalisierten Operationen und dem Überblick der Ottonormalverbraucher*innen entkommen zu können. Sodass man hier auch von „financial engineering“ sprechen könnte: Neue Namen für neue „Produkte“, die mit verschiedenen neuen Optionen oder rechtlichen Umgehungen ausgestattet sind, werden von Trupps von Manager*innen, Anwält*innen und Business-Menschen beständig entwickelt und auf den Markt losgelassen. So auch die CFDs, die dann als neues Produkt angepriesen, neue Umgehungen schaffen. Und sie prägen zudem unser Vokabular, mit dem wir über den Finanzmarkt sprechen können. Es geht nicht mehr um Spekulation oder Wetten, sondern um Kauf und Verkauf, um Verträge und Basiswerte, es geht nicht um Risiko, sondern um Differenzen. Was wie der direkte Markttausch zwischen zwei Personen (Käufer und Verkäufer) erscheint, ist mitnichten der Fall: CFDs wie Swaps sind Geschäfte, die zwischen Banken stattfinden. Daher legt auch die „verkaufende“ Bank fest, zu welchem „Basiswert“ sie CFDs an ihre privaten Kund*innen verkauft.

CFDs wurden übrigens in den 1980er Jahren von der UBS, einer Schweizer Bank, in London entwickelt, zu einer Zeit, als in Großbritannien eine Stempelsteuer eingeührt wurde. Diese Stempelsteuer sah fürjede Aktientransaktion eine 0,5%-ige Abgabe vor. Mit den CFDs konnte nicht nur die Börse umgangen werden, sondern auch diese Abgabe – zumal sie einen sehr flexiblen Einsatz erlaubten, der zudem vertraglich direkt zwischen Bank und Anbieter (meistens auch eine Bank) ausgehandelt wurde. Im Übrigen sind CFDs in den USA verboten. In Europa hingegen werden sie fröhlich auch im Nachmittagsfernsehen beworben und als magic stick angepriesen. Auch wenn die europäischen Aufsichtsbehörden längst gewarnt sind und auch schon seit 2012 warnen, dass es sich bei CFDs um hochrisikoreiche Produkte handelt, an denen letztlich nur Broker und Banken verdienen.6

1Wikipedia erklärt ökonomische Spekulation (speculari = erspähen) wie folgt: „Spekulation ist in der Wirtschaft eine auf Gewinnerzielung aus Preisveränderungen gerichtete Geschäftstätigkeit“, mit dem Ziel, wohlgemerkt, finanzielle Vorteile durch (allgemein) unerwartete Marktbewegungen, also „asymmetrische Informationen“, zu errwirtschaften. https://de.wikipedia.org/wiki/Spekulation_%28Wirtschaft%29

2Man spricht dann allerdings nicht von Produkten, sondern von Basiswerten. Basiswerte können Aktien oder Anleihen sein, aber auch echte Rohstoffe oder auch Bonitätsratings und Zinssätze.

3Dies ist übrigens keine so neue Erfindung, gabs auch schon in der Antike (siehe Aristoteles, Politik).

4Auch börsennotierte Wertpapiere können außerbörslich gehandelt werden – das geschieht meist dann, wenn das Geschäft nicht publik werden soll. Oder die Papiere gar nicht zur Börse zugelassen sind. Derivate können aber auch an der Börse gehandelt werden. CFDs dagegen werden ausschließlich außerbörslich gehandelt.

5Wikipedia beschwichtigt da allerdings auch: „Die Nominalwerte der ausstehenden Verträge sind allerdings nur sehr beschränkt aussagekräftig, weil Nominalbeträge nur die Rechengrundlage für die Verträge bilden. Es handelt sich weder um Zahlungen, die ausgetauscht werden, noch um den Wert der aus den Derivatverträgen erwachsenden Forderungen. Zudem kommt es bei der Ermittlung der Beträge durch die BIZ in dem Sinne zu Mehrfachberücksichtigungen, als dass es sich um Bruttovolumina handelt, die Risiken aus den Verträgen sich aber auch auf Ebene der einzelnen Marktteilnehmer teilweise ausgleichen.“ (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Derivat_%28Wirtschaft%29). Seit 2014 gibt es in Deutschland im Übrigen eine Meldepflicht für Derivate. Insgesamt lässt sich im Laufe der Zeit auch die sich zusammenziehende juristische Schlinge beobachten, die immer striktere Regeln und mehr Anlegerschutz mit sich brachten. Ein Mitgrund für das Erfindungsreichtum der Finanzbranche.

6Siehe zum Beispiel der Fall Fxdirekt, der nach der Insolvenz und aufgrund von Massenklagen auch in die Medien kam: http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/insider-packen-aus-die-zweifelhaften-geschaefte-der-fxdirekt-bank/7219416.html

Wikipedia erklärt ökonomische Spekulation (speculari = erspähen) wie folgt: „Spekulation ist in der Wirtschaft eine auf Gewinnerzielung aus Preisveränderungen gerichtete Geschäftstätigkeit“, mit dem Ziel, wohlgemerkt, finanzielle Vorteile durch (allgemein) unerwartete Marktbewegungen, also „asymmetrische Informationen“, zu errwirtschaften. https://de.wikipedia.org/wiki/Spekulation_%28Wirtschaft%29

2Man spricht dann allerdings nicht von Produkten, sondern von Basiswerten. Basiswerte können Aktien oder Anleihen sein, aber auch echte Rohstoffe oder auch Bonitätsratings und Zinssätze.

3Dies ist übrigens keine so neue Erfindung, gabs auch schon in der Antike (siehe Aristoteles, Politik).

4Auch börsennotierte Wertpapiere können außerbörslich gehandelt werden – das geschieht meist dann, wenn das Geschäft nicht publik werden soll. Oder die Papiere gar nicht zur Börse zugelassen sind. Derivate können aber auch an der Börse gehandelt werden. CFDs dagegen werden ausschließlich außerbörslich gehandelt.

5Wikipedia beschwichtigt da allerdings auch: „Die Nominalwerte der ausstehenden Verträge sind allerdings nur sehr beschränkt aussagekräftig, weil Nominalbeträge nur die Rechengrundlage für die Verträge bilden. Es handelt sich weder um Zahlungen, die ausgetauscht werden, noch um den Wert der aus den Derivatverträgen erwachsenden Forderungen. Zudem kommt es bei der Ermittlung der Beträge durch die BIZ in dem Sinne zu Mehrfachberücksichtigungen, als dass es sich um Bruttovolumina handelt, die Risiken aus den Verträgen sich aber auch auf Ebene der einzelnen Marktteilnehmer teilweise ausgleichen.“ (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Derivat_%28Wirtschaft%29). Seit 2014 gibt es in Deutschland im Übrigen eine Meldepflicht für Derivate. Insgesamt lässt sich im Laufe der Zeit auch die sich zusammenziehende juristische Schlinge beobachten, die immer striktere Regeln und mehr Anlegerschutz mit sich brachten. Ein Mitgrund für das Erfindungsreichtum der Finanzbranche.

6Siehe zum Beispiel der Fall Fxdirekt, der nach der Insolvenz und aufgrund von Massenklagen auch in die Medien kam: http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/insider-packen-aus-die-zweifelhaften-geschaefte-der-fxdirekt-bank/7219416.html

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