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Daten, Dinge, Material. Reflexionen über das Zusammenspiel von Welt und Theorie heute

Nicht erst seit BigData spielen Daten auch in den Wissenschaften eine große Rolle. Spätestens der Empirismus John Lockes und anderer vor allem britischer Empiriker hat das Sinnesdatum, also das Empfangen von Eindrücken durch die Sinnesorgane, zum Angelpunkt theoretischen Nachdenkens über das Verhältnis von Geist und Welt gemacht, und damit auch tief in die Philosophie eingepflanzt. Mit dem Vormarsch des sogenannten Positivismus im 19. Jahrhundert1 ergab sich ein neues Revival dieser Weltsicht: Die im Entstehen begriffenen Sozialwissenschaften wendeten sich von abstrakten Betrachtungen über den Gang der Gesellschaft in Richtung der Empirie, sie suchten nach einer Verankerung in der tatsächlichen sozialen Welt, in den Milieus, den Gruppen und Klassen, sie begannen zu zählen, zu befragen und zu aggregieren. Diese Entwicklung ging auch einher mit verschiedenen Techniken, die für das Zählen, Befragen und Aggregieren Voraussetzung sind: Zum einen sind das Technologien wie Drucker, Telefone und Computer gewesen, zum anderen aber auch Techniken wie die Formalisierung von Aussagen, Befragungstechniken und Methoden der quantiativen wie auch qualitativen Untersuchung.

Blickt man heute über die Forschungs- und Theorielandschaft in Deutschland, so lassen sich grob zwei Tendenzen ausmachen: Quantitative Wissenschaften, also Forschungsmethoden die auf Statistiken und Aggregationen beruhen, sind nicht nur in der notorisch quantiativen Physik oder Volkswirtschaftslehre zentral, sie sind längst auch in den Politik-, Sozial- und Geschichtswissenschaften angekommen, wenn nicht gar dominant. Aber auch dort, wo vornehmlich qualitativ geforscht wird, in der Ethnologie, der Anthropologie, den Kulturwissenschaften, steht die qualitative Forschung unter dem Druck der Aussagbarkeit: Ob und inwiefern das Expert*inneninterview, die teilnehmende Beobachtung oder der qualitative Fragebogen ernstgenommen werden, das wird daran gemessen, wie klar und deutlich das methodische Vorgehen darin ist. Die qualitative Forschung steht und fällt also mit der Stringenz ihrer Methode und untersteht auch ihrem Zwang.

Emanzipation durch Statistik

Nun ist es aber keineswegs so, dass sich insbesondere die sozialwissenschaftliche Forschung so einfach (und immer noch) in qualitative und quantitative Methoden einteilen ließe. Was einstmals unter dem Namen „Methodenstreit“ das grundlegende Politikum war und das Bekenntnis zu einer bestimmten Theorietradition (naturwissenschaftlich-orientiert und wertfrei versus historisch-hermeneutisch) markierte, ist heute nicht mehr der entscheidende theoretische Kampf. Denn tatsächlich konnte sich ab den 60er Jahren das quantitative Arbeiten in den Sozialwissenschaften weitestgehend durchsetzen. Allerdings führte das keineswegs dazu, dass qualitatives Arbeiten verdrängt wurde, vielmehr handelt es sich um ein neues Hand-in-Hand: Qualitative Methoden sind demnach in erster Linie explorativ, während quantitative Methoden bestehende Hypothesen zu prüfen bzw. zu bestätigen helfen. In beiden Fällen ist es aber entscheidend, eine ausreichend empirische Grundlage zur Verfügung zu haben, also Daten zu produzieren, die verlässlich sind, damit sie vergleichbar werden. Und doch verbleibt darin bei der quantitativen Analyse das letzte Wort. Ein Grund dafür liegt auch in der mit einer Statistik oder Quantifizierung vorgelegten Faktizität der Welt: Statistiken bilden die Welt in einer Weise ab, die Allgemeinheit, Neutralität und Verlässlichkeit suggeriert. Sind die Daten einmal erfasst und präsentiert, lassen sich vor dem mittels Zahlen oder Statistiken abgebildeten Phänomenhintergrund die Augen nicht mehr verschließen. Diese Überzeugungskraft der Zahlen und Daten in Form von Statistiken und quantifizierten Erhebungen haben dementsprechend auch in ihrer jungen Geschichte so manche Erschütterung provoziert. So hat beispielsweise der Kinsey-Report, eine quantiativ-qualitative Untersuchung des sexuellen Verhaltens in den USA in den 1940/50er Jahren, nicht nur eine Welle der Entrüstung provoziert, sondern vor allem auch die sexuelle Revolution befördert.2 Statistik kann also ein Mittel der Aufklärung und Emanzipation sein, zumindest scheint die soziale Sprengkraft insbesondere in tabuisierten oder unter Verschluss gehaltenen Zusammenhängen nicht unbedeutend zu sein.

Ein anderes Gebiet der politischen Aufklärung durch quantitative Forschung (und Potential zur Sprengkraft) ist dasjenige der schwer ermittelbare Zahlen, wie beispielsweise die systematische Steuerhinterhinterziehung, das exakte Volumen des illegalen Finanzmarkthandels oder, so absurd es auch klingt, die genauen Zahlen über die Vermögensverteilung in Deutschland (insbesondere die reichsten 10% betreffend). Diese sind nicht nur „schwer ermittelbar“, weil es sich um komplexe (bzw. nicht-besteuerte), ständig sich wandelnde oder hochtechnologisierte Felder handelt, sondern auch, weil eine Aufklärung hier nicht politisch gewollt zu sein scheint.3 Dennoch werden solche Daten zu Vermögensverteilung und Kapitalbewegung beständig geschätzt, überschlagen oder abgeleitet, sodass der wissenschaftlich-politische Kampf weniger darum tobt, warum die Verhältnisse so sind, wie sie sind. Vielmehr geht es darin um die Methoden, Schätzungen, Annahmen und Umstände der Messungen, sodass sich das Gespräch über das Phänomen alsbald zum Gespräch über die Erhebung verschiebt und diese zu sogenannten „umstrittenen Fakten“ macht. Dieser von Bruno Latour geprägte, ein wenig paradoxe Begriff umschreibt das, was wir immer noch und tagtäglich zum Beispiel mit dem Klimawandel erleben: Weil sich Daten (und nicht nur die „schwer ermittelbaren“, sondern alle Daten) beim genaueren Hinsehen als problematisch erweisen, als streitbar, abhängig von der Methode ihrer Erhebung, ihrem Kontext, dem Modell, den Annahmen und Interpretationen der Wissenschaftler*in, verwandeln sich die von ihnen abgeleiteten Fakten nicht etwa in unmittelbar schlagend-überzeugende Faktizität, sondern sie bleiben „streitbare Fakten“, und provozieren vor allem Auseinandersetzungen methodischer Art. Die Auseinandersetzung der Methode hat dann auch eine Auseinandersetzung über den damit abgebildeten Phänomenhintergrund zur Folge: Gibt es das, worauf die Daten verweisen wirklich? Kann ich dem trauen? Aber Prof. X oder Dr. Y haben doch dazu etwas ganz anderes herausgefunden? Solche skeptischen und skeptizistischen Fragen schließen sich an statistische Fakten an, und provozieren damit auch den Konflikt, die Auseinandersetzung über das, was da wie zustande gekommen ist, was daraus zu folgern ist, und auch, was/wem zu glauben ist.

Ein anderer Weg: Dinge von Belang

Bruno Latour stellt den „streitbaren Fakten“ ein Gegenmodell zur Seite, welches er als Alternative insbesondere für den Klimadiskurs angebracht sieht: Der wissenschaftlichen Text- und Wissensproduktion müsse es demnach primär um „Dinge von Belang“ gehen. Damit streitet Latour auch für eine Wissenschaft, der es nicht um reine Anhäufung von Zahlen und (Gegen-)Fakten geht, vielmehr braucht es Zusammenhänge, Sinn und Interpretationsangebote, mittels derer auch der Streit um das, worum es geht, um die politische und gesellschaftliche Tragweite der behandelten Phänomene, tatsächlich in den Blick rückt. Damit ist der Streit um Fakten für Latour eine irgendwie bloß vorgeschobene, tatsächlich etwas anderes verhandelnde Auseinandersetzung. Engagierte (und damit „gute“) Wissenschaft müsste Latour zufolge an den Kern dieser Konflikte herantreten, sie herausschälen und zum Gegenstand unserer Auseinandersetzungen machen.

Die Latoursche Wendung von den Fakten zu den Dingen hat aber noch mehr Implikationen. So ist das Ding spätestens seit Kant ein Gegenstand der Philosophie, wenn auch einer, der merkwürdig unberührt bleibt: Denn Kant meint mit seinem „Ding an sich“ jene tatsächliche, materiale Welt, die wir nur durch unseren Erkenntnisapparat hindurch zu unserem Erkenntnisobjekt machen. Damit bleibt uns diese Welt in der Weise, wie sie beispielsweise einem total objektiven Wesen (z.B. „Gott“) zugänglich wäre, unüberwindlich verschlossen. Zum „Ding an sich“ haben wir also nur einen vermittelten Zugang. Und doch hält Kant an dieser Verstandesübung, dem (hypothetischen) Denken jenseits unserer Verstandes- und Erkenntnisgrenze, fest. Was uns eine freie (und von Lacan beeinflusste) Interpretation, wenn auch in einer merkwürdigen Weise verrät, ist nicht ohne Interesse für Latours „Dinge von Belang“: Es gibt Dinge, die entziehen sich unserem unterwerfenden Erkenntnisanspruch, sie wirken auf uns ein, sie sind Bestandteile unserer Welt und wir können sie nicht voll und ganz beherrschen. Vielmehr müssen wir uns ihnen in einer Weise widmen, die sich um sie kümmert, sie befragt und doch beständig unzulänglich darin bleibt, sie zu erschließen. Mit Kant-Lacan ließe sich also sagen: Dinge lassen sich nicht (voll und ganz) erschließen, und doch wirken sie auf uns ein und machen unsere Welt aus, sie prägen uns sogar, sie können in unsere Realität einbrechen, und sich ihr auch widersetzen. Mit Latour wissenschaftstheoretisch weitergedacht: Es kömmt darauf an, die Dinge, und den Sinn, den wir aus ihnen machen können, so miteinander in Verbindung zu bringen, dass wir damit auch die Welt verändern können (z.B. Klimawandel stoppen).

Daten vs. Material

Klingt gut. Doch was kann das nun konkret heißen, Dinge von Belang herauszuarbeiten? Und wie?

Eine mögliche Weise das zu denken hat sich mit dem kleinen Kant-Exkurs angedeutet – der Zugang zum „Ding“ durch das Material. Doch die Tragweite des Material-Konzepts erschließt sich im Grunde erst im Kontrast zum Daten-Konzept. Daten kommen vom lateinischen „dare“, geben. Wenn wir von Daten sprechen, dann klingt damit nicht nur die Messung an, sondern auch das Beobachtete, und also Gegebene. Der Phänomenbezug im Daten-Konzept funktioniert als Zugriff auf etwas, das da ist, gilt und abgeschöpft werden kann. Daten haben zudem die Eigenschaft, prozessierbar zu sein. Das heißt, das „Gegebene“ wird in einer Weise erhoben oder abgeschöpft, dass es verarbeitet, dass es gespeichert und verwertet werden kann. Damit muss das „Gegebene“ also wortwörtlich erhoben werden: Damit es verwertbar, prozessierbar, aggregierbar ist/wird, muss es abstrahiert werden. Dadurch verliert das „Gegebene“ aber auch seine lokale und kontextuelle Spezifizität – es wird zum Datum abstrahiert, und also speicherbar, berechenbar und auch beherrschbar.

Material (von lateinisch „materia“: Stoff, Bauholz, Ursache) dagegen hat eine eigene Agentialität: Ob als Material zur Verarbeitung oder Produktion (Industrie), oder zur Sichtung (Archiv), es hat seine eigene Gesetzmäßigkeit, Formbarkeit, Reaktionsweise auf bestimmte Behandlungsformen. Ein Zugriff auf das Material bedeutet meistens auch einen Eingriff in seine Materialität. Material lässt sich aber auch sammeln, zusammenstellen, man muss sich mit ihm auseinandersetzen. Und vor allem hat das Material eine je eigene Widerspenstigkeit – es kann sich dem widersetzen, wozu es einstmals angesammelt, zusammengefügt oder eingesetzt worden ist. Während uns das Daten-Konzept auf die Welt als Gegebene, punktuell Statische verweist4 und damit auch von dem trennt, was wir damit erfassen, konfrontiert uns das Material-Konzept mit einer Eigenständigkeit, ständig im Gang befindlichen Prozessualität und Dynamik mit uns selbst, die sich uns auch aufdrängt und die einfache Unterscheidung von Subjekt und Objekt in Frage stellt.

Die Arbeit mit Material ist das entscheidende Vorgehen „qualitativer“ Forschung, sie könnte aber noch viel mehr Bestandteil theoretischen Arbeitens, insbesondere in der Philosophie, werden (und sollte man in der qualitativen Forschung viel stärker noch betonen). Denn während noch der französische und auch der historische Materialismus vornehmlich abstrakte Umstände (nämlich über das Konzept der Materie) einzubringen wussten, und die (Sinnes-)Daten in der Philosophiegeschichte nicht zu wenig Aufmerksamkeit erfahren haben, ist die Beschäftigung mit Material als gesammeltes, zusammenstelltes, eingesetztes höchstens auf Illustration beschränkt. Eine mit Material arbeitende Philosophie (oder auch politische Theorie), die sich ihrem Material widmet, es phänomeno-logisch einzusetzen weiß, davon verallgemeinert und also Sinnzusammenhänge stiftet, die sich am Material ausweisen, besprechen, erweitern lassen – das könnte eine Philosophie sein, die „Dinge von Belang“ schafft. Darin dürfte Theorie dann aber nicht verstanden werden als das Andere der Praxis. Vielmehr wäre Theorie eine Form der Praxis, die einen sehr speziellen Bezug zu anderen Praktiken hat, indem sie sich auf sie bezieht, sie reflektiert und auch durchaus zu erweitern oder zu verschieben weiß. Das könnte auch einen neuen Materialismus in der politischen Philosophie bedeuten.

 

1Als Begründer des sogenannten Positivismus und auch der Soziologie als Wissenschaft gilt Auguste Comte, wobei er selbst noch der Vorstellung eines Gangs der Gesellschaft in notwendigen Bahnen und Stufen anhing. Zu diesem Zweck sah Comte eine „Religion des Positivismus“ vor, die er explizit am Katholizismus orientierte und die in positivistischen Gemeinschaften sonntägliche Zeremonien abhielt. In den Geschichtswissenschaften kam der Positivismus aber dennoch ideologisch runtergekocht als primäre Würdigung und das Arbeiten entlang von Fakten und Quellen an. Im 20. Jahrhundert und mit den immer bedeutender werdenden Naturwissenschaften wurde diese Position, an die britischen Empiristen der Neuzeit anschließend, gegen eine an Transzendenz glaubende Wissenschaftstheorie ins Feld geführt. Demnach ist das beste Modell der (Außen-)Welt dasjenige, mit dem die Datenlage am besten kompatibel ist.

2Insgesamt wurden beim Kinsey-Report 11 000 Menschen befragt. Allerdings blieben die Ergebnisse nicht unbestritten: Insbesondere der sogenannte „selection bias“ ließ viele Kritiker die Ergebnisse grundsätzlich in Frage stellen. Siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Kinsey_Reports

3In Deutschland wurde 1997 unter der Kohl-Regierung die Vermögenssteuer abgeschafft. Im Hintergrund stand eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, wonach Immobilienvermögen nicht weniger besteuert werden dürften als andere Vermögenssorten. Die Kohl-Regierung schaffte daraufhin die Vermögenssteuer komplett ab (anstelle die Immobilien höher zu besteuern) mit der Begründung, dass die damalige Einkommensspitzensteuer von 53% ausreichend sei. Weil seitdem keine Steuern mehr auf Vermögen erhoben werden, ist auch der Vermögensforschung die Datengrundlage entzogen worden. Seitdem beruhen Statistiken über die Vermögen in Deutschland primär auf Selbstauskunft und Schätzungen.

4Auch wenn die Methoden und Technologien der Datenerfassung mittlerweile so weit sind, dass die immer kürzeren Zeitabstände dieser Erfassungen die Prozessualität des Werdens eingeholt haben. Ihr Charakter der Simulation und die vermeintliche Trennung zwischen Messung und Geschehen bleiben ihr dennoch erhalten.

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