Single post

Radikale Philosophie – Randgänge der Aneignung

[Text von 2015, verloren & wiedergefunden]

Wie lässt sich die Selbstbezeichnung „Radikale Philosophie“ verstehen? Das fragten wir uns bei unserem Besuch der Radical Philosophy Conference im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Dabei blieb uns die Bedeutung des Wortes „radikal“ im Laufe des Konferenztages bis zuletzt verborgen. Eines war jedenfalls klar: Diese Konferenz war es nicht. Von den besuchten drei Panels (Secretes and Suveillance, Queer Theory and Geopolitics, On Organization) erwies sich lediglich ein Vortrag einer vorläufigen Bestimmung des Wortes radikal würdig – und das ohne die problematischen Bedeutung des Wortes zu verkennen.

 

Radikale Konferenz

Das erste Panel „Secretes and Suveillance“ versuchte sich in theoretischer Diagnose der gegenwärtig sogenannten Überwachungsgesellschaft und ihrer Technologien. Die Vorträge boten: eine Metaphernanalyse der Geheimdienstsprache, die als astrologieanalog demaskiert wurde; eine Geschichte der statistischen Analyse und daran anschließenden Regierungskunst, die kurzerhand an die Preußische Staatszustandswissenschaft angelehnt wurde; und einen Versuch, mit Deleuze das Dividuum (im Unterschied zum Individuum) beim Künstler Paul Klee und in unserer Zeit entlang des Begriffs einer Chronogeografie (Zeit-Räumlichkeit) auszumachen. Alle drei Vorträge blieben bei der Analyse stehen: Sie rangen zwar durchaus um Begriffsbestimmungen und -arbeit, ohne jedoch politische und auch theoretische Konsequenzen zu ziehen für all die theoretischen Entlehnungen einer anderen Zeit. Keiner der drei Vorträge befragte dabei das Paradigma der Überwachung. Es blieb dabei: Die da oben, die uns beherrschen und überwachen, wir hier unten, die das erdulden müssen. Leiden und Schweigen.

Das zweite Panel zur Queer Theory, dem vermutlich schon ein Zuviel an Erwartungen von Randgängen entgegenkamen, kam nicht weiter, als Ambiguitäten zu bestimmen und dafür einige Tropen auszumachen: Paradoxien, Androgynitäten, weder-noch. Die Beispiele aus Südafrika schafften zumindest die geopolitische Problematisierung in Form von race-Fragen. Ansonsten wurde der Gegenkanon eifrig zitiert. Und die Frage gestellt: Ja, was machen wir denn mit dem Phänomen der Absorption von Queer Theory und LGBTQI-Rechten durch neue Techniken der Gouvernementalität? Die Frage wurde weder ausgeführt noch beantwortet.

Das dritte Panel, „On Organization“ star-te Frank Ruda-Zizek und Hegels Theorie des Monarchen, und mündete zumindest in Unentschiedenheit: War das eine Diagnose oder ein Ruf nach einem*r Führer*in? Hegel zufolge lässt sich Gesellschaft nicht ohne eine Führungspersönlichkeit organisieren, ohne zu fragmentieren und also früher oder später in ihren Vereinzelungen zu zerfallen. Dabei gilt für diese Persönlichkeit: Sie muss keine besondere Fähigkeiten haben, je mehr sich jede*r mit ihr identifizieren kann, umso besser für die Einheit der Gesellschaft. Und das heißt: Jede*r Idiot*in könnte Fürher*in sein, es muss sogar ein*e Idiot*in sein, damit jede*r sich identifizieren kann. Insofern geht es nicht um eine Persönlichkeit, sondern um einen leeren, gesichtslosen Namen, der beleibig einsetzbar ist.

Dass sich diese Vorstellung in Zeiten horizontaler Politik und dem Ruf nach radikaler, oder zumindest flüssiger Demokratie wie eine Provokation ausnimmt, ist nicht überraschend. Dass dies aber der einzige Vortrag geblieben ist, der etwas gewagt hat und sich durchaus auch in seiner Anerkennung aufs Spiel gesetzt hat, das allerdings schon. So erwies sich Rudas Diagnose-Provokation als radikal, insofern sie womöglich ein Wurzel-Problem der meisten Organisationen, insbesondere der westlichen Organisation von politischen Gruppierungen und Wandel benannte: Lässt sich wirklich organisieren, ohne eine shiny Person, die das Ganze anführt? Bzw. ist die Diagnose eines*r Idiot*in an der Spitze unseres politischen Systems (Merkel, Hollande, Obama,…) nicht das, was die repräsentative Demokratie ausmacht – und so schrecklich macht? Ruda scheint sagen zu wollen: Wir müssen uns dieses Problem-Phänomen anschauen, und uns fragen, sofern es nicht vermeidbar ist, wie damit umzugehen ist.

 

Radikale Politik

Schaut man in den Wikipediaartikel zu Radikal (mathematisches Phänomen), bzw. zu Radikalismus (politisches Phänomen), dann erweist sich: Radikal kommt vom lateinischen radix, was so viel wie Wurzel bedeutet. Während man mathematisch die Wurzel ziehen würde, würde man sie politisch eher an-packen (wie in: das Problem bei der Wurzel packen). Das Wort Radikalismus wurde im 19. Jahrhundert zum (Kampf-)Begriff, den vor allem die liberalen Freiheits- und Demokratiebewegungen für sich nutzten: Radikale Demokrat*innen traten demnach für ein allgemeines Wahlrecht, die Entmachtung der Kirche, die Republik als Staatsform ein, und nahmen dafür auch durchaus handgreifliche Mittel in ihren Erwägungen auf (Umsturz der Regierung, Revolution). Während in den romanischen Ländern dieser Begriff noch heute diese Demokratie fokussierende Bedeutung trägt (so findet sich die Diskussion um radikale Demokratie vor allem in der französischen Literatur, siehe zum Beispiel C. Castoriadis – aber auch die parti radical, eine Partei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich zwischen Arbeiter*innenbewegung und Konservativen ansiedelte (also, linkes Bürgertum) und einer der stärksten politischen Kräfte jener Zeit war), hat sich im deutschen Sprachraum der Begriff im 20. Jahrhundert in Richtung von Links- und Rechtsextremismus gleichermaßen verschoben und die Handgreiflichkeit zum Fokus genommen. Radikal bedeutet demnach extrem, kompromisslos, gewaltbereit. Das heißt: Weil sich die meisten Ziele der Radikalen verwirklichten, weil sich die Unterschiede zwischen Arbeiter*innen und Bürger*innen anglichen, wurde der Begriff im deutschsprachigen Raum nicht etwa zum positiven Denkmal, sondern ins Pejorative gewendet (siehe dazu der Radikalenerlass von 1972. Eine ähnliche Verschiebung lässt sich im vulgären Sprachgebrauch sicher auch für den Begriff des Feminismus ausmachen, hoffentlich ohne Feminist*innenerlass).

Will man also Bezug nehmen auf den Begriff „radikal“ etwa im Sinne der Radikalen Demokratie, um davon ausgehend eine Bestimmung Radikaler Philosophie zu leisten, muss dieser spezifisch deutschsprachigen Problematik begegnet werden. Der Begriff braucht eine Re-Deutung, eine Aneignung. Und zwar so: Philosophie muss handgreiflich sein/werden. Im Sinne eines theoretischen Extremismus. Einer radikalen Philosophie muss es darum gehen, die Ränder und Grenzen der Philosophie selbst aufzusuchen, das dahinterstehende Regime von Wahrheit und Wissen, ihre Bedingungen der Akzeptablität zu befragen. Das heißt primär: Radikale Philosoph*innen arbeiten am Rand der Philosophie selbst, und stellen das Zentrum ihrer Macht in Frage, ebenso wie die Zentren der Macht, die dasjenige der jeweiligen Philosophie stützen, fortschreiben, festhaken. Insofern sind das doppelte Randgänge: Entlang der Ränder von Philosohie (als Institution) und entlang der Ränder anderer Wissenschaften, politischen Domänen, ökonomischen Sphären.

 

Radikale Philosophie

Das heißt also: Radikale Philosoph*innen stehen beständig auf dem Spiel, auch darin, nicht als Philosoph*innen zu gelten – und damit situativ die Situation selbst auf die „gegenwärtige Ordnung des Seins“ zurückführen und kritiseren. – Aneignung meint: keine semantischen Container, kein Sprechen im Kanon (wie im Queer Theory Panel), sondern der Versuch, ein allgemeines Mitdenken/-machen (Wahlrecht) zu erzeugen durch die Aneignung, durch das Ausrollen und Entfalten von Begriffen, mit denen Sinn zu machen ist (nicht aufzudecken). Also, die Wurzeln der Wurzeln suchen, also die Frage stellen, was für eine Frage wir stellen, wenn wir nach Wurzeln und Ursprüngen suchen.

Radikale Philosophie wäre dann also radikal, wenn sie die Handgreiflichkeit nicht scheut, das heißt: Es geht nicht um Provokation um der Provokation willen, sondern um Provokation zur Neuordnung und Aneignung des Raumes. Dummerweise ein Weg, den soweit vor allem der rechte und in dessen Gefolge auch der extrem-mittlere Rand gegangen ist. Und es bleibt die Frage: Wo geht eigentlich die radikale Linke heute?

theme by teslathemes