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Die Macht liegt in den Netzwerken – Sabotieren wir Facebook! (Teil 2: Der Plan)

Sich ins Netz begeben – und es sabotieren.

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde klar: Die Frage, wie man Netzwerkmächten entkommen kann, führt auf eine allzu pessimistische Alternative: Wir können Netzwerkmächten nicht entkommen, Eskapismus wäre unlebbar; zugleich können wir aber auch nichts gegen sie tun, wenn wir keine HackerInnen sind (und selbst dann könnte es eine Illusion sein, etwas verändern zu können, wenn nicht eine breite Basis mitzieht). Resultat und stabilisierender Faktor dieses festgefahrenen Zustandes zugleich ist die kolletktive Haltung des resignierten Mitmachens und Wartens auf die Rettung durch andere – „die Welt ist doch eh schon kaputt genug und immerhin hab ich nichts zu verbergen“.

In dieser Lage ist es nun unser Punkt, den alten Begriff der Sabotage wieder ins Spiel zu bringen. Sabotage, dieses Schlagwort der französischen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, hat in den Zeiten der digitalen und informatisierten Produktwelten (in Opposition zur Schwerindustrie) vermeintlich ausgedient. Seit dem Aufkommen der digitalen Ära ist es still um diesen Begriff geworden. Die Erntemaschinen der Großbauern, eine Eisenbahn oder eine Kraftwerk konnte man noch sabotieren und so die dadurch ermöglichten wirtschaftlichen Produktions- und Verwertungsabläufe stören. Doch wie kann man das Geschäft von Facebook oder Google sabotieren? Das Netzwerk – als elementare Militärtechnik, die es in seiner schlichten Anfangsform des ARPANET gewesen ist, – ist ja sogar dezidiert als Antwort auf die Gefahr der Sabotage entwickelt worden. Es wurde als Struktur konstruiert, die resistent gegen den Ausfall einzelner Verbindungen oder Knoten ist.

Der Schlüssel in Bezug auf soziale Netzwerke allerdings liegt darin, das Netzwerk gar nicht primär als technisches anzusehen. Das Netzwerk besteht in einem Zusammenspiel der Mentalitäten und sozialen Gewohnheiten – in einem Gemeinsamen (einem „Commons“) unserer Kommunikationsverhältnisse. Und genau dort kann eine Sabotage ansetzen, welche die Verwertungs- und Abschöpfungslogik des Netzwerkes stört, ohne dabei aber seine Verwendung gänzlich unmöglich zu machen. Eine solche Sabotage würde z.B. im Unkenntlichmachen von Informationsspuren und Persönlichkeitsprofilen bestehen. Im Generieren von „Rauschen“ im Netzwerk, welches die Kapitalisierung der Informationen stört. Im Verwischen der scharfen Umgrenzungen und parametrischen Identifikationen der einzelnen Knotenpunkte des Graphen, die nämlich zugleich den abschöpfbaren Mehrwert und die politische Gefahr des Netzwerks bilden.

Konkret: Auf Facebook könnte man für jedes Ding, das einen interessiert, gleich noch ein anderes Ding „liken“, das einen nicht interessiert. Für jeden Freund, den man hinzufügt, fügt man auch einen Freund hinzu, der gar kein Freund ist, den man vielleicht gar nicht kennt. Für jede Bewegung, die man mit dem eigenen Profil auf der Plattform tätigt, könnte jemand anderes, derdie denselben Account auch benutzt, ebenfalls eine Bewegung machen.

All diese Maßnahmen entwerten unseren Gebrauch des Netzwerkes für uns selbst nicht, wohl aber für Facebook. Das liegt daran, dass wir selbstbestimmte und mündige Menschen sind: Was uns interessiert oder nicht, wissen wir ja selbst; wer von diesen Menschen in unserer Freundesliste uns tatsächlich bekannt ist, das wissen wir ebenfalls. Indem im Datensatz eines Facebookprofils Rauschen, Ambivalenzen, Gegensätze geschaffen werden, bemächtigt man sich zugleich der eigenen Entscheidung über die eigene Lust, die eigenen Neigungen, die eigene Freizeitplanung, die eigenen sozialen Relationen. Denn wenn ich neben jedem Ding, das ich mag, auch ein Ding, das ich nicht mag „like“, dann sind die von Facebook automatisch angezeigten Empfehlungen und Posts natürlich weniger auf mich zugeschnitten – und bieten deshalb einen größeren Optionsraum für eine echt Auswahl. Mit dieser Idee ist der Anspruch verbunden, als Nutzerin selbst unter den angezeigten Informationen das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, selbst wählen und selektiv die eigene Aufmerksamkeit ausrichten zu können – Grundelement der Freiheit, Grundelement selbstbestimmter Bewegung im Netz. Die Störung der Automatik individuell zugemessener Vorschläge ist keinesfalls ein Bug sondern ein Feature dieser Sabotagestrategie. Hier verbirgt sich der Kern einer kollektiven und doch von jedem selbst zu vollziehenden Emanzipation von der immersiven und manipulativen Versorgung am Informationstropf namens Facebook. Jeder in dieser kollektiven Sabotage muss selbst diese innere Sabotage seiner Bequemlichkeit leisten.

Die Sabotageidee schlechthin wäre deshalb – und das ist auch unser Vorschlag –, einen Facebook-Account zu mehreren zu nutzen. Je verschiedenere Menschen sich da zusammenfinden, desto besser. Jede Bewegung die eine Person aus dem Kollektiv mit diesem Account macht, macht ihn für die anderen Personen „anonymer“ bzw. weniger individuell. Jede Information, die jemand anderes über sich in diesem Profil preisgibt, ist ein Stück Information das von einem selbst ablenkt. Bei paritätischer Benutzung entsteht eine Situation, von der alle profitieren – nur Facebook nicht.

Das soziale Netz hacken heißt paradoxerweise: Kollektive bilden

Diese Sabotage richtet sich nicht gegen das Netzwerk als einer technischen Infrastruktur zur Kommunikation und zum Informationsaustausch – es werden keine Telefonkabel in Brand gesteckt. Der Zugang zum Netz bleibt durch den kollektiven Account oder die anderen genannten Sabotagepraktiken aufrechterhalten. Ihr anvisiertes und primäres Ziel ist vielmehr die Abschöpfungslogik, die der Funktionsweise eines kommerziell zentralistischen Netzwerkes wie Facebook eingeschrieben ist. Diese basiert auf der Erhebung präzisester und umfassender Daten über die Individuen – und das ist möglich, weil die Individuen in den Netzen als Einzelne auftreten.

Worum es deshalb im Kern hier geht, ist die Wiederentdeckung oder Neuartikulation von Sabotage als eines kollektiven Aktes. Sabotage als kollektive und strategisch koordinierte Praxis. Nicht der Geniestreich eines einzelnen Hackers ist den netzwerkförmigen Machttopologien gewachsen. Für den Hack von Facebook sind auch gar keine Programmierkünste oder Technikfähigkeiten vonnöten, denn es handelt sich um ein soziales Netzwerk und in den sozialen Formen liegt auch das Feld seiner Sabotage. Grundlage hierfür ist deshalb ein minimales Moment der Kollektivität – in Form des Verzichts auf den individuellen, persönlich-repräsentativen, die eigene Person ausmachenden Facebook-Account. Genau dieses Moment der Kollektivität, zu dem man subjektiv bereit sein muss, ist es, was den medialen Raum stören kann: Dessen Funktionieren fußt nämlich auf der Voraussetzung einer radikalen Vereinzelbarkeit der Individuen im Netz des Sozialen. Eine Gegenbewegung zu dieser Vereinzelbarkeit, ein Grundgedanke, der in einem Raum jenseits davon wachsen und Verbreitung finden muss, ist der Punkt, an dem die mögliche Sabotage von Facebook einsetzt. Anders als die technische Kunstfertigkeit der Hackerin ist die Umsetzung dieser Sabotageidee vergleichbar simpel. Sie besteht bloß in einer Absprache unter NutzerInnen.

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