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Klicklust und Verfügbarkeitszwang. Ideen zu einer neuen Hörigkeit

Nicht nicht antworten können. Die rastlose Unruhe, die dazu bewegt, doch noch mal den Laptop aufzuklappen oder aufs Smartphone zu drücken – ist was passiert, will jemand was? Warten mit gespitzten Ohren, bis das sanfte “Bing!” ein neues digitales Ereignis verheißt. Bing…, bing…, bing…, bing…, bing…: die Befriedigung hält nur wenige Sekunden, die ihr entsprechende nervöse Anspannung zu reagieren beruhigt sich nach erfolgter Tat nur mikromomentan – bis der Blick das nächste Ungelesene erfasst. Ich will deine Aufmerksamkeit! Auf den Wellen rezeptiver Anspannung und Befriedigung treiben wir auch beim Surfen: auf einer Seite beginnen, den Blick darüber streifen lassen, rechtzeitig drücken bevor ein Moment von Langeweile einsetzt, klick!, etwas öffnet sich, oh! -, … ooooh doch nicht so geil, also weiter in einem Rhythmus von Miniaufregung und wohltuender Erfüllung, weiter, weiter, weiter…

Gehorsamkeit heißt, Befehle auszuführen – umgehend, ohne Zögern, ohne Zweifel. Ob jemand gehorsam ist, lässt sich leicht feststellen: es gilt, die erfolgte Handlung am erteilten Befehl zu messen. Viel subtiler und ungewisser – aber mindestens so effizient als verhaltensregulierende Einstellung – ist die Hörigkeit. Sie setzt früher ein, könnte man sagen, bereitet den Boden für die Order, indem sie Kommunikationskanäle öffnet, Gehörgänge sensibilisiert und ausrichtet (… bing!). Hörigkeit klingt nach 19. Jahrhundert, nach preußischen Untertanen, Beamten an dunklen Holzschreibtischen mit gewichstem Schnurrbart. Aber vielleicht hat sich schon längst eine neue Hörigkeit tief in den Netzwerken unserer sozialen Beziehungen eingenistet, die mit der einschmeichelnden Stimme der voice recognition software sanft säuselnd unsere Handlungen leitet. Auf Abruf zu sein und zur Verfügung zu stehen sind zumindest kein Sonderfall mehr in einem Kapitalismus der on demand-Produktion, der flexiblen Beschäftigungsverhältnisse und nie endenden Nicht-Karrieren. Waren es einst abgegrenzte Bereiche wie Bereitschaftsdienst, Hotelrezeption und Taxi, in der Beschäftigte zur Disposition zu stehen hatten, scheint es nun manchmal, als stünden wir alle und ständig unter Verfügbarkeitszwang – ein Verfügbarkeitszwang, der sich als eine neue Art von Schuldkomplex begreifen lässt.

Ökonomie des Emailverkehrs: Ich schicke eine Mail, du schuldest mir eine Antwort. Du antwortest, ich freue mich, und gebe etwas zurück. Du antwortest nicht oder zu spät – du entschuldigst dich. Ich grolle dir und sage nichts (Ressentiment), ich grolle dir und strafe dich mit einem Vorwurf (Kompensation), ich grolle und verzeihe dir (Ent-schuldigung) oder damit, auch nicht zu anworten (wie du mir, so ich dir).

Ökonomie des Emailverkehrs II: Potenzielle Arbeitgeberin schickt Email mit Jobanfrage, freelance-Arbeitnehmer freut sich – und ist zugleich unruhig, bis die Antwortmail mit der Zusage formuliert und abgeschickt ist. Arbeitgeberin antwortet nicht. Angst des Arbeitnehmers ist gesteigert – soll noch eine Email produziert werden? Es wird noch eine Email produziert, die eine besondere und freudige Bereitschaft signalisiert und im Übrigen sehr viele liebe Grüße übermittelt. Arbeitgeberin bleibt stumm: Entzug ist Macht. Einige Zeit vergeht, Arbeitnehmer sieht sich genötigt nachzufragen, ob alles in Ordnung sei. Arbeitgeberin reagiert, wohlwollend, in einem gut gelaunten Moment: der Auftrag habe sich schon erledigt, vielen Dank für die Bereitschaft, liebe Grüße.

Friedrich Nietzsche begreift in Zur Genealogie der Moral das Schuldgefühl als Effekt einer Autoaggression: Anstatt aktivische Instinkte nach außen hin auszuleben, kehrt das in einer Gesellschaft des Friedens – so Nietzsche – eingeschlossene Individuum sie nach innen, um sie an sich selbst auszulassen. So wird das Subjekt sich selbst zum strafenden Gläubiger, ist Schuldner und Gläubiger zugleich. Dieser autoaggressive Mechanismus könnte ein Ansatz sein, um heutige Verfügbarkeitszwänge zu verstehen, dennoch ist ein Update geboten. Nicht nur, weil Gewalt nicht mehr politisch korrekt ist und Kindererziehung nicht mehr vom Stock begleitet, sondern auch, weil die nietzschesche Affektregulierungsmaschine für ihr Funktionieren auf eine christliche Moral angewiesen ist, die ihren wahrsten Ausdruck in lebensverneinender Askese findet – also explizit auf die Idee eines Absoluten und Jenseitigen aufbaut, die wohl heute nicht mehr viel Handlungsmotivation hervorbringt. Etwas konkreter gesprochen ist die Katechismen murmelnde Selbstkasteiung sicherlich als Befriedigungspraxis nicht ausgestorben, aber inzwischen wohl doch eher gesellschaftliches Randphänomen.

Man müsste also fragen, wie soziale Zugehörigkeit im Zeitalter der Verflüssigung von Identitäten und sozialen Relationen funktioniert. Es geht, so könnte man meinen, um eine Zugehörigkeit, die nicht mehr über die Unterwerfung unter ein gemeinsames Gesetz praktiziert wird (das dann als gewaltvolle Selbsteinwirkung internalisiert wird), sondern durch eine Bereitschaft zum Dranhängen – on-line sein – eine Lust, sich anzukoppeln. Diese Ankopplung wird als kontinuierliche – ein wenig aufdringliche, aber doch angenehme – Einwirkung von Informationsströmen erfahren, die einem Selbstverhältnis der ständigen Bespielung entspricht, die Leere nur schwer erträgt und daher eine rhythmische Dauerstimulation benötigt. Diese erfordert ständige, hörige Aufmerksamkeit und fördert einen Drang zur Selbstaktualisierung durch digitale Präsenz. Wie das sanfte Streicheln einer Hand auf einer willigen Oberfläche: Klicklust und Verfügbarkeitszwang.

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